Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Die Aufnahme Ihres fotografischen Lebenswerks in ein Museum ist weniger eine Schenkung als eine strategische Partnerschaft, bei der die ökonomische Tragbarkeit für die Institution entscheidend ist.

  • Museen agieren unter massivem Budgetdruck und müssen die hohen Folgekosten für Konservierung, Digitalisierung und Erschliessung rechtfertigen.
  • Ein juristisch und konservatorisch exzellent vorbereiteter Vorlass, der einen klaren kunsthistorischen oder gesellschaftlichen Mehrwert bietet, hat die höchsten Erfolgschancen.

Empfehlung: Betrachten Sie die Übergabe Ihres Werks als ein kuratiertes Projekt. Investieren Sie in die Vorleistung, um Ihr Archiv für ein Museum nicht nur wünschenswert, sondern zu einer unwiderstehlichen, langfristigen Investition zu machen.

Als etablierter Fotograf stehen Sie vor einer entscheidenden Frage: Was geschieht mit Ihrem Lebenswerk? Jahrzehnte der Arbeit, tausende Negative, Abzüge und digitale Dateien formen ein kulturelles Erbe. Der Gedanke, dieses Erbe in den Händen renommierter Institutionen wie dem Museum Folkwang oder der Berlinischen Galerie für die Nachwelt zu sichern, ist für viele die Krönung ihrer Karriere. Doch der Weg dorthin ist oft von Missverständnissen geprägt. Viele glauben, es genüge, ein künstlerisch wertvolles Werk anzubieten. Die Realität, mit der wir als Museumsdirektoren konfrontiert sind, ist jedoch weitaus komplexer und vor allem: ökonomischer.

Die gängige Annahme ist, dass Museen begierig auf hochwertige Schenkungen warten. In Wahrheit ist die Annahme eines Vorlasses für uns eine Verpflichtung von enormem Ausmass. Sie ist vergleichbar mit der Adoption eines Kindes, das man über Jahrzehnte hegen, pflegen und ausbilden muss. Es geht nicht nur um den Lagerplatz. Es geht um Kosten für die Restaurierung, die aufwendige Digitalisierung, die wissenschaftliche Erschliessung und die fortlaufende, klimatisierte Lagerung. Doch wenn die landläufigen Vorstellungen nicht zum Ziel führen, was ist dann der Schlüssel? Die Antwort liegt in einer Perspektivverschiebung: Betrachten Sie die Übergabe nicht als Almosen, sondern als strategisches Angebot. Es geht darum, dem Museum nicht ein Problem zu übergeben, sondern eine Lösung – eine kuratierte, leicht zu integrierende und langfristig wertvolle Sammlung.

Dieser Artikel gibt Ihnen den Einblick eines Insiders. Er führt Sie durch die realen Hürden und Erwartungen, die wir als Institutionen haben. Wir werden die harten Fakten der Finanzierung beleuchten, präzise konservatorische Anforderungen definieren, rechtliche Fallstricke aufzeigen und Ihnen eine klare Strategie an die Hand geben, wie Sie Ihr Werk so vorbereiten, dass es für uns nicht nur kunsthistorisch, sondern auch ökonomisch tragbar und damit attraktiv wird.

Dieser Leitfaden ist Ihre strategische Vorbereitung für das Gespräch mit uns. Er erklärt die entscheidenden Faktoren, die über die Aufnahme Ihres Lebenswerks in das kulturelle Gedächtnis Deutschlands entscheiden, und zeigt Ihnen, wie Sie die Weichen für eine erfolgreiche und dauerhafte Partnerschaft stellen.

Warum Museen heute kaum noch Budgets für Ankäufe haben und auf Schenkungen hoffen

Die Vorstellung, dass Museen über prall gefüllte Ankaufsetats verfügen, ist ein Relikt vergangener Zeiten. Die harte Realität ist, dass die öffentlichen Mittel für Kulturinstitutionen seit Jahren stagnieren oder sogar sinken. Dies zwingt uns, Prioritäten zu setzen, und reine Ankäufe von kompletten Archiven sind zur absoluten Ausnahme geworden. Der Fokus hat sich verschoben: von der reinen Akquise hin zur Bewahrung und Erschliessung des bereits Vorhandenen. Eine Schenkung ist daher oft die einzige realistische Möglichkeit, einen umfangreichen Vorlass zu übernehmen. Doch auch eine Schenkung ist für uns nicht kostenlos; sie löst immense Folgekosten aus.

Die finanzielle Lage ist angespannt. Der Bundeshaushalt für 2024 sah beispielsweise für den Kulturetat Kürzungen vor, die sich direkt auf unsere Spielräume auswirken. Laut offiziellen Angaben sind die Kulturausgaben um 254 Millionen Euro niedriger als im Vorjahr. Dieses Geld fehlt für Ankäufe, aber auch für Personal zur Inventarisierung und für die Restaurierung. Wir müssen daher bei jeder potenziellen Übernahme eine strenge Kosten-Nutzen-Analyse durchführen. Die entscheidende Frage für uns ist: Übersteigt der kunsthistorische oder gesellschaftliche Wert des Werks die langfristigen Erschliessungs- und Erhaltungskosten, die es verursachen wird?

Dennoch gibt es erfolgreiche Modelle. Ein herausragendes Beispiel ist die Übernahme des Nachlasses des Bauhaus-Fotografen Umbo. Dieses komplexe Unterfangen wurde 2016 durch eine beispiellose Kooperation der Berlinischen Galerie, des Sprengel Museums Hannover und der Stiftung Bauhaus Dessau realisiert. Der Ankauf war nur durch die Bündelung von Kräften und die massive Unterstützung externer Geldgeber möglich, darunter die Kulturstiftung der Länder und private Mäzene. Dieses Modell zeigt die Zukunft: Einzelne Institutionen können solche Mammutprojekte oft nicht mehr allein stemmen. Der Erfolg hängt von kreativen Finanzierungsstrategien, Kooperationen und dem Engagement von Stiftungen ab. Für Sie als Fotograf bedeutet das: Ein Vorlass, der bereits ein Konzept für eine Co-Finanzierung oder die Ansprache von Förderern mitbringt, hat einen immensen strategischen Vorteil.

Fallstudie: Der Nachlass von Umbo – Ein Modell für die Zukunft

Der Erwerb des Nachlasses des bedeutenden Fotografen Umbo (Otto Maximilian Umbehr) war ein Meilenstein, der die Grenzen traditioneller Ankäufe sprengte. Angesichts der enormen Kosten schlossen sich drei grosse deutsche Institutionen zusammen. Die Finanzierung wurde durch ein breites Bündnis von vierzehn Mäzenen und Sponsoren gesichert, angeführt vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Ernst von Siemens Kunststiftung. Dieses Beispiel belegt, dass selbst Ankäufe von höchster nationaler Bedeutung heute auf ein Geflecht aus öffentlicher Förderung, Stiftungs-engagement und privatem Mäzenatentum angewiesen sind. Es ist der Beweis, dass eine strategische Partnerschaft, die über die reine Schenkung hinausgeht, der Schlüssel zum Erfolg ist.

Müssen Ihre Abzüge säurefrei montiert sein, um angenommen zu werden?

Die kurze Antwort lautet: Ja, absolut. Die Frage nach der säurefreien Montierung ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Sie steht symbolisch für eine grundlegende Erwartung, die wir an einen Vorlass haben: die konservatorische Vorleistung. Ein Archiv, das bereits nach professionellen Standards aufbereitet und gelagert wurde, reduziert unsere sofortigen Kosten und den Arbeitsaufwand dramatisch. Es signalisiert uns, dass der Fotograf den Wert der physischen Erhaltung verstanden hat und uns ein gut gepflegtes Erbe anvertraut, nicht eine Kiste voller Sanierungsfälle.

Der Zustand Ihres Materials ist ein entscheidender Faktor in unserer Bewertungsmatrix. Wir unterscheiden verschiedene Konservierungsstufen, die direkt mit Kosten verbunden sind. Ein Vorlass, der bereits den Museumsstandard erfüllt, ist für uns weitaus attraktiver als einer, der erst mit hohem Aufwand auf dieses Niveau gebracht werden muss. Die Differenz kann, wie die nachfolgende Tabelle zeigt, mehrere tausend Euro pro hundert Abzüge betragen. Diese Kosten müssen wir in unsere Gesamtplanung einbeziehen. Wenn Sie diese Investition bereits getätigt haben, wird Ihr Angebot sofort ökonomisch tragbarer.

Das bedeutet für Sie, dass Sie den Zustand Ihres Archivs als Teil Ihrer strategischen Planung betrachten müssen. Eine Investition in hochwertige, säurefreie Archivboxen, Passepartouts und Mappen ist keine Ausgabe, sondern eine Wertsteigerung Ihres Vorlasses in den Augen einer sammelnden Institution. Sie demonstrieren damit Professionalität und erleichtern uns die Entscheidung, die langfristige Verantwortung für Ihr Werk zu übernehmen.

Konservierungsstandards für fotografische Sammlungen
Konservierungsstufe Anforderungen Geschätzte Kosten pro 100 Abzüge
Mindeststandard Säurefreie Montierung 500-800 Euro
Museumsstandard ISO-konforme Archivierung, klimatisierte Lagerung 1.200-1.800 Euro
Professioneller Standard Vollständige Restaurierung, Digitalisierung nach DFG-Standards 2.500-3.500 Euro

Checkliste für Ihr Zustands-Audit: Die Bestandsaufnahme Ihres Nachlasses

  1. Physischer Zustand: Dokumentieren Sie systematisch alle sichtbaren Schäden wie Risse, Knicke, Verfärbungen oder Schimmelbefall an Abzügen und Negativen. Fotografieren Sie die Mängel.
  2. Lagerungsbedingungen: Messen und protokollieren Sie die aktuellen Lagerbedingungen. Verwenden Sie ein Hygrometer und Thermometer, um Luftfeuchtigkeit und Temperatur zu erfassen.
  3. Trägermaterial: Identifizieren Sie die verschiedenen Negativtypen in Ihrer Sammlung. Handelt es sich um potenziell instabile Nitrat- oder Acetatfilme oder um stabileres Polyestermaterial?
  4. Beschriftung und Metadaten: Erfassen Sie alle vorhandenen Informationen. Dazu gehören handschriftliche Notizen auf der Rückseite von Abzügen, Datierungen, Ortsangaben und Bildtitel.
  5. Rechtsstatus klären: Sammeln Sie alle Dokumente, die Urheber- und Nutzungsrechte belegen. Wer war der Auftraggeber? Gibt es Verträge oder mündliche Vereinbarungen?

Wie profitieren Sie von Tantiemen, wenn Ihre Bilder in Bibliotheken ausliegen?

Eine Schenkung an ein Museum bedeutet in der Regel den Verzicht auf direkte Verkaufserlöse. Das bedeutet jedoch nicht das Ende aller finanziellen Erträge aus Ihrem Lebenswerk. Ein oft übersehener, aber wichtiger Aspekt ist die Möglichkeit, weiterhin an der kommerziellen Nutzung Ihrer Bilder zu partizipieren. Dies geschieht vor allem über Verwertungsgesellschaften wie die VG Bild-Kunst in Deutschland. Wenn Ihre Werke von uns als Museum lizenziert und in Publikationen, Ausstellungen oder online genutzt werden, können Tantiemen fliessen, die an Sie oder Ihre Erben ausgeschüttet werden.

Damit dies funktioniert, müssen die Weichen richtig gestellt werden. Zunächst müssen Sie oder Ihre Rechtsnachfolger Mitglied der VG Bild-Kunst sein. Des Weiteren ist es entscheidend, im Schenkungsvertrag mit dem Museum klare Regelungen zur Verwertung zu treffen. Während das Museum das physische Eigentum und in der Regel umfassende Nutzungsrechte für seine eigene Arbeit (Forschung, Ausstellung, Sammlungskatalog) erhält, kann die kommerzielle Lizenzierung an Dritte eine Quelle für Tantiemen bleiben. Die Bildstelle des Deutschen Museums ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Institution ihr Archiv aktiv verwaltet und kommerzialisiert, wovon letztlich auch die Urheber profitieren können.

Detailaufnahme von Händen über Vertragsdokumenten mit Archivmaterialien im Hintergrund

Die Verhandlung des Schenkungsvertrags ist daher ein kritischer Moment. Es geht darum, eine Balance zu finden, die dem Museum die nötige Freiheit für seine wissenschaftliche und kuratorische Arbeit gibt, Ihnen aber gleichzeitig eine faire Beteiligung an zukünftigen kommerziellen Erfolgen sichert. Ein transparenter Dialog über das Verwertungspotenzial Ihres Werks ist hierbei unerlässlich. Themen, die aktuell hohe gesellschaftliche Relevanz haben, bieten oft ein höheres Potenzial für zukünftige Lizenzen. Die Registrierung bei der VG Bild-Kunst und eine klare vertragliche Regelung sind die beiden Säulen, auf denen Ihre zukünftigen Erträge ruhen.

Das Risiko, wenn nicht klar ist, wer die Negative besitzt

Ein unklares Rechtverhältnis ist für uns als Museum ein absolutes K.-o.-Kriterium. Bevor wir auch nur einen Gedanken an die Übernahme eines Vorlasses verschwenden, muss die Frage der Eigentums- und Urheberrechte lückenlos geklärt sein. Wer ist der Urheber? Wer besitzt die physischen Negative oder die digitalen Master-Dateien? Wer hält die Nutzungsrechte? Ein Archiv, bei dem diese Fragen offen sind, stellt für uns ein unkalkulierbares juristisches und finanzielles Risiko dar. Im schlimmsten Fall investieren wir Jahre in die Restaurierung und Digitalisierung, nur um dann von einem Dritten mit berechtigten Ansprüchen konfrontiert zu werden.

Die Provenienz, also die lückenlose Geschichte des Eigentums und der Rechte an einem Werk, ist daher von zentraler Bedeutung. Dies gilt insbesondere für Pressefotografen, die oft im Auftrag von Agenturen oder Verlagen gearbeitet haben. Wurden die Rechte damals vollständig abgetreten oder nur für eine bestimmte Nutzung eingeräumt? Existieren die Verträge noch? Ohne eine klare, dokumentierte Provenienzkette ist ein Vorlass für uns wertlos, egal wie hoch sein künstlerischer Wert sein mag. Die Klärung dieser Verhältnisse ist eine essenzielle Vorleistung, die allein in Ihrer Verantwortung liegt.

Was bedeutet der jeweilige Zustand, in dem der Nachlass ins Haus kommt, für den Nachlassgebenden und diejenigen, die dann damit arbeiten?

– Inka Schube, DGPh Online-Talk über fotografische Nachlässe

Diese Frage von Inka Schube, Kuratorin der Fotografischen Sammlung im Sprengel Museum Hannover, bringt es auf den Punkt. Der „Zustand“ meint hier nicht nur den physischen, sondern vor allem den juristischen. Ein ungeordnetes Archiv mit unklaren Rechten verursacht einen enormen Arbeitsaufwand auf unserer Seite, den wir nicht leisten können und wollen. Ihre Aufgabe ist es, eine saubere „Akte“ zu jedem Teil Ihres Werks zu erstellen. Dazu gehört die Sammlung aller relevanten Verträge, Korrespondenzen und testamentarischen Verfügungen. Im Zweifelsfall ist die Konsultation eines auf Kunstrecht spezialisierten Anwalts eine notwendige Investition, um die Annahmefähigkeit Ihres Vorlasses sicherzustellen.

Wer zahlt für das Scannen von 50.000 Negativen bei einer Übernahme?

Die Digitalisierung ist der grösste Einzelposten bei der Erschliessung eines analogen Fotoarchivs. Die Frage, wer die oft sechsstelligen Kosten trägt, ist zentral für jede Verhandlung. Die einfache Antwort ist: Selten das Museum allein aus seinem regulären Budget. Die Übernahme der Digitalisierungskosten ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine strategische Schenkung strukturiert sein muss. Anstatt die Kostenfrage als Problem des Museums zu betrachten, sollten Sie sie als gemeinsame Herausforderung ansehen, für die es kreative Lösungen gibt.

Die Kosten variieren enorm je nach geforderter Qualität. Ein einfacher Index-Scan zur reinen Übersicht ist relativ günstig. Ein hochauflösender Archivscan nach den Praxisregeln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Langzeitarchivierung ist jedoch extrem kostspielig. Bei einem Umfang von 50.000 Negativen sprechen wir schnell von Beträgen, die den gesamten Ankaufsetat einer Abteilung übersteigen können.

Digitalisierungskosten nach Qualitätsstufen
Qualitätsstufe Kosten pro Negativ 50.000 Negative Geeignet für
Einfache Indexierung 0,20-0,50 € 10.000-25.000 € Übersicht/Katalog
Mittlere Auflösung 0,80-1,50 € 40.000-75.000 € Forschung
Hochauflösender Archivscan 2,00-4,00 € 100.000-200.000 € Langzeitarchivierung

Die wichtigste Ressource zur Deckung dieser Kosten sind in Deutschland externe Förderprogramme. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bietet spezielle Förderprogramme an, die gezielt die Digitalisierung wissenschaftlich relevanter Bestände unterstützen. Die Antragstellung ist jedoch komplex und an hohe Auflagen geknüpft. Ein Vorlass hat deutlich höhere Chancen auf eine solche Förderung, wenn er bereits gut vor-erschlossen ist und sein wissenschaftliches Potenzial klar dargelegt werden kann. Eine weitere Möglichkeit ist die Einwerbung von Mitteln aus Stiftungen oder über Crowdfunding, wie es das Weltkulturen Museum Frankfurt erfolgreich praktiziert hat. Dort wurde die Digitalisierung des Nachlasses von Milli Bau durch eine Förderung des städtischen Kulturdezernats ermöglicht. Dies zeigt, dass die Finanzierung oft ein Mosaik aus verschiedenen Quellen ist, das gemeinsam mit dem Fotografen oder seinen Erben zusammengesetzt werden muss.

Wie archivieren Sie digitale Fotos so, dass sie in 50 Jahren noch lesbar sind?

Während bei analogen Archiven die physische Zersetzung die grösste Gefahr darstellt, ist es bei digitalen Werken das „digitale Vergessen“. Dateiformate werden obsolet, Speichermedien degenerieren, und ohne die richtige Strategie kann ein digitales Archiv in wenigen Jahrzehnten unlesbar werden. Für uns als Museum ist ein digitaler Vorlass daher mit einer ganz eigenen Art von Verantwortung und Kosten verbunden. Wir müssen nicht nur speichern, sondern permanent migrieren, prüfen und aktualisieren. Ein Fotograf, der uns ein digitales Archiv übergibt, das bereits nach den Regeln der professionellen Langzeitarchivierung strukturiert ist, nimmt uns eine gewaltige Hürde.

Der Goldstandard für die digitale Sicherung ist die 3-2-1-Backup-Regel. Sie ist das absolute Minimum, das wir erwarten, um die Integrität eines digitalen Bestandes als gesichert anzusehen. Sie besagt: Halten Sie mindestens drei Kopien Ihrer Daten vor, speichern Sie diese auf zwei unterschiedlichen Medientypen (z.B. eine Festplatte und ein Cloud-Speicher) und bewahren Sie eine dieser Kopien an einem anderen geografischen Ort auf (Off-Site-Backup). Dies schützt vor fast allen denkbaren Datenverlust-Szenarien, von Festplattenausfällen über Diebstahl bis hin zu lokalen Katastrophen wie Feuer oder Wasser.

Makroaufnahme von professionellen Speichermedien für digitale Archivierung

Doch die 3-2-1-Regel ist nur der Anfang. Zur professionellen digitalen Archivpflege gehören weitere, entscheidende Schritte. Dazu zählt die regelmässige Migration der Daten auf neue Speichermedien, idealerweise alle fünf Jahre, um dem technischen Fortschritt und der Materialermüdung zuvorzukommen. Ebenso wichtig ist die Verwendung von Checksummen (z.B. MD5, SHA-256), um die Datenintegrität bei jeder Kopie zu überprüfen und sicherzustellen, dass keine „bit rot“ (schleichende Datenkorruption) stattgefunden hat. Schliesslich ist ein „Archiv-Testament“ unerlässlich: ein Dokument, das alle Zugangsdaten, Passwörter und die Struktur des Archivs für Ihre Erben oder das übernehmende Museum verständlich erklärt.

Ihre 3-2-1-Backup-Regel für die fotografische Langzeitarchivierung

  1. Drei Kopien: Erstellen Sie von allen finalen Master-Dateien (z.B. RAWs, bearbeitete TIFFs) mindestens drei vollständige Kopien.
  2. Zwei Medientypen: Verwenden Sie mindestens zwei verschiedene Arten von Speichermedien. Kombinieren Sie zum Beispiel lokale Festplatten (HDD) mit Solid-State-Drives (SSD) oder einem professionellen Cloud-Archivspeicher.
  3. Ein externer Standort: Lagern Sie mindestens eine Kopie räumlich getrennt von den anderen. Dies kann ein Bankschliessfach, ein anderer Wohnort oder ein sicherer Cloud-Dienst sein.
  4. Regelmässige Migration: Planen Sie alle 3-5 Jahre den Transfer Ihrer gesamten Daten auf neue, moderne Speichermedien.
  5. Integritätsprüfung: Nutzen Sie Software, um regelmässig Checksummen Ihrer Dateien zu erstellen und zu vergleichen, um Datenkorruption frühzeitig zu erkennen.

Die digitale Nachhaltigkeit ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess. Indem Sie diese Prinzipien anwenden, beweisen Sie, dass Sie die Herausforderungen der digitalen Langzeitarchivierung verstanden haben und uns ein zukunftsfähiges Erbe übergeben.

Wie verdienen Sie Geld mit historischen Pressefotos aus dem Archiv Ihres Grossvaters?

Der Dachbodenfund – ein Koffer voller Negative vom Grossvater, der Pressefotograf war. Solche Schätze bergen nicht nur einen ideellen, sondern potenziell auch einen finanziellen Wert. Doch wie lässt sich dieser Wert realisieren? Die Antwort hängt stark von Ihren Zielen ab: Geht es um einen schnellen, einmaligen Erlös, um eine langfristige Einnahmequelle oder um die Sicherung des kulturellen Erbes? Für jede dieser Prioritäten gibt es eine passende Verwertungsstrategie, die jeweils eigene Vor- und Nachteile mit sich bringt.

Die Schenkung an eine öffentliche Institution wie ein Stadtarchiv oder ein Fotomuseum ist die beste Option, wenn die Langzeiterhaltung und die Reputation des Fotografen im Vordergrund stehen. Direkte Einnahmen erzielen Sie damit nicht, aber wie zuvor besprochen, können über die VG Bild-Kunst weiterhin Tantiemen fliessen. Ein gutes Beispiel ist das Historische Museum Frankfurt, das die Werkauswahl des schwedischen Fotografen Calle Hesslefors als Schenkung erhielt. Hesslefors‘ Arbeit, die das Frankfurter Leben von den 1960ern bis in die 1990er dokumentiert, wird so für die Forschung und die Öffentlichkeit bewahrt – ein unschätzbarer Wert für die Stadtgeschichte.

Wenn der Fokus auf regelmässigen Einnahmen liegt, ist der Vertrag mit einer kommerziellen Bildagentur der gängige Weg. Agenturen haben die Netzwerke und die Infrastruktur, um historische Bilder global zu vermarkten. Der Nachteil ist der Verlust eines Teils der Kontrolle und ein signifikanter Anteil der Lizenzeinnahmen, der an die Agentur geht. Für einen schnellen, aber einmaligen Erlös kommt der Verkauf an Sammler oder über eine spezialisierte Kunstauktion infrage. Das Potenzial ist hier oft am höchsten, aber auch am unvorhersehbarsten, und das Werk wird danach in der Regel für die Öffentlichkeit unzugänglich.

Verwertungsoptionen für historische Fotoarchive
Option Vorteile Nachteile Ertragspotenzial
Museumsschenkung Langzeiterhaltung, Reputation Keine direkten Einnahmen Indirekt durch Tantiemen
Kommerzielle Bildagentur Regelmässige Lizenzeinnahmen Verlust der Kontrolle Mittel bis hoch
Kunstauktion Schneller Erlös Einmaliger Verkauf Variabel
Hybrid-Modell Kombination der Vorteile Komplexe Verwaltung Optimiert

Die Wahl der richtigen Strategie erfordert eine ehrliche Analyse Ihrer Ziele. Jede Option hat ihre eigenen Konsequenzen für den Erhalt, die Sichtbarkeit und den finanziellen Ertrag des Archivs.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ökonomie vor Kunst: Die Annahme eines Vorlasses ist für ein Museum eine massive finanzielle und personelle Investition. Ihre Schenkung muss ökonomisch tragbar sein.
  • Vorleistung ist entscheidend: Ein konservatorisch einwandfreier Zustand, eine lückenlose Provenienz und ein hoher Digitalisierungsgrad sind Ihre stärksten Argumente.
  • Strategische Partnerschaft: Denken Sie in Lösungen. Bringen Sie Ideen für Co-Finanzierung, Förderanträge oder Kooperationen mit, um dem Museum die Entscheidung zu erleichtern.

Warum braucht der deutsche Bildjournalismus mehr Fotografen mit Migrationsgeschichte?

In den letzten Jahren hat in der deutschen Museumslandschaft ein entscheidendes Umdenken stattgefunden. Wir haben erkannt, dass unsere Sammlungen über Jahrzehnte hinweg eine sehr einseitige, westdeutsch geprägte Perspektive auf die Gesellschaft widergespiegelt haben. Geschichten von Migration, die Biografien von Gastarbeitern und die vielfältigen kulturellen Einflüsse, die Deutschland verändert haben, sind dramatisch unterrepräsentiert. Für uns als Institutionen ist das Schliessen dieser „blinden Flecken“ zu einer strategischen Priorität geworden. Ein fotografischer Vorlass, der diese narrativen Lücken füllt, besitzt heute einen unschätzbaren Wert.

Für Fotografinnen und Fotografen mit eigener oder familiärer Migrationsgeschichte bedeutet dies eine historische Chance. Ihre Arbeit, Ihre Perspektive, Ihr Zugang zu Communities ist genau das, was wir suchen, um die komplexe Realität der deutschen Gesellschaft abzubilden. Ihr Archiv ist nicht nur Kunst, es ist ein essenzielles Zeitdokument, das etablierten Narrativen eine neue, dringend benötigte Facette hinzufügt. Das Historische Museum Frankfurt hat dies früh erkannt und baut gezielt seine „Sammlung Migration“ auf, um diesen Teil der Stadtgeschichte zu dokumentieren und zu bewahren.

Die Sammlung Migration bereichert seit 2005 die fotografischen Bestände mit Porträts von Frankfurtern mit Migrationsgeschichte und dokumentiert damit einen wichtigen Teil der Stadtgeschichte.

– Historisches Museum Frankfurt, Sammlung Fotografie

Wenn Ihr Werk diese Kriterien erfüllt, sollten Sie dies als Ihr stärkstes Alleinstellungsmerkmal positionieren. Verknüpfen Sie Ihr Archiv thematisch mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten über Identität, Zugehörigkeit und postkoloniale Diskurse. Suchen Sie die Kooperation mit spezialisierten Institutionen wie dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) in Köln. Entwickeln Sie gemeinsam mit den porträtierten Communities partizipative Ausstellungskonzepte. Indem Sie die gesellschaftliche Relevanz und das einzigartige Verwertungspotenzial Ihres Werkes proaktiv herausarbeiten, machen Sie es für uns nicht nur interessant, sondern unverzichtbar. Sie bieten uns die Möglichkeit, unserer Aufgabe als Gedächtnis einer vielfältigen Gesellschaft gerecht zu werden.

Die gesellschaftliche Relevanz ist ein mächtiger Hebel. Nutzen Sie ihn, um zu zeigen, dass Ihr Werk nicht nur die Vergangenheit dokumentiert, sondern auch die Zukunft des kulturellen Gedächtnisses mitgestaltet.

Die Sicherung Ihres fotografischen Lebenswerks ist das letzte grosse Projekt Ihrer Karriere. Es erfordert Weitsicht, strategische Planung und die Bereitschaft, die Perspektive der Institutionen zu verstehen, denen Sie Ihr Erbe anvertrauen möchten. Sehen Sie es als eine finale kuratorische Aufgabe: Sie kuratieren nicht nur Ihre Bilder, sondern den Übergang Ihres gesamten Werks in die Unsterblichkeit des Archivs. Ein gut vorbereiteter, ökonomisch durchdachter und juristisch sauberer Vorlass ist kein Bittgesuch, sondern ein unwiderstehliches Angebot. Es ist die Einladung zu einer Partnerschaft, die sicherstellt, dass Ihre Sicht auf die Welt für kommende Generationen erhalten bleibt.

Geschrieben von Renate Vonstein, Renommierte Bildredakteurin und Dozentin für Fotojournalismus mit über 25 Jahren Erfahrung bei führenden deutschen Tageszeitungen. Expertin für Bildethik, politische Ikonografie und die historische Einordnung von Pressefotografie.