
Entgegen der Annahme, die ikonischen Bilder des Mauerfalls seien neutrale historische Dokumente, sind sie in Wahrheit ein kuratierter visueller Kanon, der maßgeblich von westlichen Akteuren geformt wurde.
- Die Auswahl der Bilder wurde durch die ökonomische Dominanz westdeutscher Bildagenturen und deren Distributionskanäle bestimmt.
- Komplexe historische Prozesse wurden auf wenige, emotional leicht verständliche Motive (ikonische Verdichtung) reduziert, die eine spezifische „Siegererzählung“ stützen.
Empfehlung: Für eine tiefere historische Einsicht ist die aktive Suche nach und kritische Auseinandersetzung mit alternativen, insbesondere ostdeutschen, Bildquellen unerlässlich.
Jeder in Deutschland kennt sie: den Mauerspringer, der über den Stacheldraht flieht, die jubelnden Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor, den Trabi, der die Grenze bei Bornholm überquert. Diese Bilder sind zum Synonym für den 9. November 1989 geworden. Sie zieren die Titelseiten von Magazinen, laufen in jeder Jubiläums-Dokumentation und sind fest im kollektiven Gedächtnis der Nation verankert. Die allgemeine Annahme ist, dass diese Fotografien sich durch ihre außerordentliche Aussagekraft oder ästhetische Qualität durchgesetzt haben – dass sie schlicht die besten, die wichtigsten Bilder dieses historischen Moments sind.
Doch diese Sichtweise ist eine gefährliche Vereinfachung. Was, wenn diese Bilder weniger ein Fenster zur Vergangenheit sind, sondern vielmehr ein sorgfältig gerahmtes Porträt, das von den Siegern der Geschichte gemalt wurde? Die Vorstellung, dass aus Tausenden von Aufnahmen zufällig die historisch „korrekten“ Bilder überdauern, ignoriert die komplexen soziologischen, ökonomischen und psychologischen Mechanismen, die unser Bildgedächtnis formen. Es ist kein Zufall, dass unsere Erinnerung an dieses vielschichtige Ereignis auf eine Handvoll Motive verdichtet ist. Dieser Prozess der Ikonenbildung ist das Ergebnis einer bewussten und unbewussten Selektion, die bestimmte Narrative stärkt und andere unsichtbar macht.
Dieser Artikel wird diesen Prozess dekonstruieren. Wir werden untersuchen, wie ein Foto zur Ikone wird und warum die meisten anderen in den Archiven verschwinden. Dabei legen wir den Fokus auf die kultursoziologische Dimension: die Rolle von Bildagenturen, die Inszenierung von Erinnerungsorten und das immense Risiko einer einseitigen, westlich dominierten Geschichtsschreibung. Es geht darum zu verstehen, dass der visuelle Kanon des Mauerfalls nicht einfach *entstanden* ist – er wurde *gemacht*. Und zu verstehen, wie er gemacht wurde, ist entscheidend für ein vollständiges Verständnis der deutschen Geschichte.
Inhaltsverzeichnis: Analyse des visuellen Gedächtnisses an den Mauerfall
- Warum wird ein Foto zur Ikone und tausend andere verschwinden?
- Wie wählen Sie historisches Bildmaterial für Schulbücher sensibel aus?
- Der „Checkpoint Charlie“-Effekt: Wenn Inszenierung die Realität überlagert
- Das Risiko, Geschichte nur noch durch die Linse der Sieger zu sehen
- Wann verdrängen neue Krisenbilder die alten Ikonen aus dem Bewusstsein?
- Warum unser Gehirn Bilder 60.000-mal schneller verarbeitet als Text
- Warum das Bild der „Mutter mit Kind“ in jeder Kultur funktioniert
- Warum lösen manche Bilder nationale Trauer aus und andere nicht?
Warum wird ein Foto zur Ikone und tausend andere verschwinden?
Der Prozess, durch den ein einzelnes Bild aus einer Flut von Tausenden zur Ikone aufsteigt, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis machtvoller Selektionsmechanismen. Im Kern steht die Schaffung eines visuellen Kanons: eine begrenzte, wiedererkennbare Auswahl an Bildern, die einen komplexen historischen Moment repräsentieren soll. Diese „ikonische Verdichtung“ ist kein neutraler Vorgang. Sie wird maßgeblich von den ökonomischen und infrastrukturellen Realitäten des Medienmarktes geprägt. Zum Zeitpunkt des Mauerfalls waren es vor allem westdeutsche und internationale Bildagenturen wie die dpa, Associated Press oder Reuters, die über die globalen Distributionsnetzwerke verfügten, um ihre Aufnahmen weltweit zu verbreiten. Die ostdeutsche Agentur ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) hatte dem wenig entgegenzusetzen. So wird klar, dass die ökonomische Macht direkt in eine Deutungshegemonie überführt wurde.
Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt diesen Prozess treffend. Sie stellt fest, dass sich schnell ein festes Repertoire etablierte, das die Erzählung prägte. In einer Analyse der Mauerbilder in Ost und West wird deutlich:
Es etablierte sich ein ‚Set‘ von Motiven, die als Gegen-Bilder nicht nur semantisch aufeinander bezogen waren, sondern auch ikonografisch korrespondierten.
– Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland Archiv
Diese Motive – der Jubel, die Freiheit, der Sieg des Westens – wurden zu den Bausteinen einer kohärenten, aber stark vereinfachten Geschichte. Bilder, die Ambivalenz, Angst oder die komplexen sozialen Verwerfungen in der DDR zeigten, passten nicht in dieses klare Narrativ und wurden daher seltener ausgewählt und verbreitet. Sie blieben in den Archiven, während der Kanon zementiert wurde.

Die visuelle Darstellung dieses Auswahlprozesses macht die kuratorische Macht der Bildredakteure deutlich. Auf Leuchttischen wurden damals wie heute Entscheidungen getroffen, die unser kollektives Gedächtnis nachhaltig formen. Welche Geschichte soll erzählt werden? Welches Bild transportiert die gewünschte Emotion am effektivsten? Jede Auswahl ist somit auch eine Auslassung. Für jedes ikonische Bild gibt es Tausende von „verwaisten“ Negativen, die eine andere, nuanciertere Version der Geschichte erzählen könnten, aber stumm bleiben.
Wie wählen Sie historisches Bildmaterial für Schulbücher sensibel aus?
Die Transmission des visuellen Kanons an die nächste Generation findet maßgeblich im Klassenzimmer statt. Schulbücher sind keine neutralen Wissensspeicher, sondern mächtige Instrumente der Kanonbildung. Die darin abgedruckten Bilder prägen über Jahrzehnte das Geschichtsbild junger Menschen. Lange Zeit reproduzierten westdeutsche Schulbücher unkritisch die etablierten Ikonen des Mauerfalls, während in der DDR-Geschichtsschreibung die Mauer als „antifaschistischer Schutzwall“ mit völlig anderem Bildmaterial inszeniert wurde. Diese einseitigen Darstellungen erschweren ein differenziertes Verständnis der Vergangenheit.
Eine sensible Auswahl historischen Bildmaterials erfordert daher einen multiperspektivischen Ansatz. Es reicht nicht, nur das Bild des jubelnden Mauerspringers zu zeigen. Man muss es kontextualisieren: Wer war der Fotograf? Aus welcher Perspektive (Ost oder West) wurde es aufgenommen? Welche Bilder wurden zur gleichen Zeit in ostdeutschen Medien gezeigt? Initiativen wie das Portal „DDR im Unterricht“, das von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Kultusministerium entwickelt wurde, gehen hier voran. Sie stellen Lehrkräften Materialien zur Verfügung, die explizit unterschiedliche Perspektiven und regionale Unterschiede in der Darstellung thematisieren und zu einer kritischen Bildanalyse anregen.
Der folgende Vergleich, basierend auf historischen Analysen, verdeutlicht die unterschiedlichen Herangehensweisen und die Notwendigkeit heutiger gemeinsamer Standards, die diese Gegensätze überwinden.
| Aspekt | Ostdeutsche Schulbücher (historisch) | Westdeutsche Schulbücher (historisch) | Aktuelle gemeinsame Standards |
|---|---|---|---|
| Bildperspektive | Antifaschistischer Schutzwall | Symbol der Teilung und des Unrechts | Multiperspektivischer Ansatz |
| Fotografenauswahl | Überwiegend ADN-Archiv (DDR-Bildagentur) | Überwiegend dpa, Associated Press | Integration von Quellen aus beiden Archiven |
| Emotionale Darstellung | Fokus auf Schutz und staatliche Ordnung | Fokus auf Freiheitsdrang und Jubel | Darstellung der Komplexität mit Ängsten und Hoffnungen |
Für Journalisten und Pädagogen bedeutet dies, nicht nur Bilder zu zeigen, sondern die Geschichte der Bilder selbst zu erzählen. Die entscheidende Frage lautet: Warum wurde dieses Bild ausgewählt und welches andere Bild wurde dafür weggelassen? Nur durch diese kritische Meta-Ebene kann verhindert werden, dass Schulbücher lediglich die Deutungshegemonie der Vergangenheit reproduzieren, anstatt zu einem tieferen, ausgewogeneren Geschichtsverständnis beizutragen.
Der „Checkpoint Charlie“-Effekt: Wenn Inszenierung die Realität überlagert
Ein besonders problematisches Phänomen im Umgang mit historischer Ikonografie ist die Kommerzialisierung der Erinnerung. Nirgendwo in Deutschland wird dies deutlicher als am Checkpoint Charlie in Berlin. Der einstige Grenzübergang, ein Ort der Spannung, der Angst und der tragischen Fluchtversuche, ist heute zu einer Touristenattraktion verkommen. Als Soldaten verkleidete Schauspieler posieren für Selfies, Souvenirstände verkaufen nachgemachte DDR-Devotionalien. Die authentische historische Aura des Ortes wurde durch eine grelle, kommerzielle Inszenierung ersetzt. Dieses Phänomen, der „Checkpoint Charlie-Effekt“, beschreibt die Verdrängung echter historischer Substanz durch ein leicht konsumierbares, aber letztlich leeres Spektakel.
Für Kulturwissenschaftler und Journalisten stellt dies eine erhebliche Herausforderung dar. Wie vermittelt man die historische Bedeutung eines Ortes, wenn dessen physische Erscheinung die Realität verfälscht? Die Gefahr besteht darin, dass Besucher – und damit die breite Öffentlichkeit – die Inszenierung für die Realität halten und die tiefere, oft schmerzhafte Geschichte dahinter nicht mehr wahrnehmen. Die kommodifizierte Erinnerung wird zu einem Fast-Food-Erlebnis: schnell, einfach und ohne bleibenden Nährwert für das historische Bewusstsein. Die Bilder, die heute vom Checkpoint Charlie um die Welt gehen, sind nicht mehr die der Konfrontation von Panzern, sondern die von lächelnden Touristen mit Fellmützen.
Es ist daher von entscheidender Bedeutung, diesem Effekt aktiv entgegenzuwirken, indem man bewusst Orte aufsucht, die eine wissenschaftlich fundierte und nicht-inszenierte Auseinandersetzung mit der Geschichte ermöglichen. Authentizität lässt sich nicht nachbauen; sie muss in den Spuren der Vergangenheit aufgespürt werden.
Plan d’action: Authentische Alternativen zu kommerzialisierten Erinnerungsorten
- Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße besuchen: Hier wird die Geschichte der Teilung an einem originalen Mauerabschnitt wissenschaftlich fundiert und ohne kommerzielle Inszenierung vermittelt.
- Zeitzeugengespräche organisieren: Institutionen wie die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde bieten die Möglichkeit, direkte Einblicke von Menschen zu erhalten, die die Teilung und Flucht selbst erlebt haben.
- Kontextualisierung durch andere Orte: Der Besuch des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors hilft, den Mauerbau in den größeren Kontext der NS-Vergangenheit und des Kalten Krieges einzuordnen.
- Alternative Perspektiven suchen: Das Stasi-Museum in der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit bietet einen Einblick in die Perspektive des Überwachungsstaates und seiner Logik.
- Private Bildarchive erforschen: Projekte wie „Wir waren so frei“ sammeln Amateuraufnahmen und private Fotos, die einen ungeschönten und persönlichen Blick auf die Wendezeit abseits der offiziellen Ikonen ermöglichen.
Das Risiko, Geschichte nur noch durch die Linse der Sieger zu sehen
Die wohl gravierendste Konsequenz eines unreflektierten visuellen Kanons ist die Zementierung einer einseitigen Geschichtserzählung – der „Siegerperspektive“. Die ikonischen Bilder des Mauerfalls erzählen fast ausnahmslos eine westliche Geschichte: die des Triumphs der Freiheit, der passiven, dankbaren Ostdeutschen und der erfolgreichen „Wende“, die als logische Konsequenz zur Wiedervereinigung unter westlichen Vorzeichen führte. Diese Deutungshegemonie macht die vielfältigen und oft widersprüchlichen Erfahrungen der Menschen in der DDR unsichtbar.
Die Perspektive derjenigen, die die DDR mit aufgebaut hatten, die Reformsozialisten, die für einen „dritten Weg“ kämpften, oder einfach die Menschen, die mit Angst und Unsicherheit auf den Zusammenbruch ihres Systems blickten – all diese Narrative finden in den bekannten Ikonen keinen Platz. Wie es die Wochenzeitung Der Freitag prägnant formulierte, fand im Moment der historischen Öffnung ein narrativer Richtungswechsel statt, der die Deutungshoheit klar dem Westen zuschrieb. Diese Sichtweise ist nicht nur eine historische Ungenauigkeit, sondern hat bis heute tiefgreifende soziale und politische Folgen im vereinten Deutschland.
Die Bilder des Mauerfalls stammen fast alle aus westlicher Perspektive… Just im Moment der Maueröffnung wechselte also die Erzählrichtung zur sogenannten Wende.
Um dieses Ungleichgewicht zu korrigieren, ist es die Aufgabe von Journalisten und Forschern, aktiv die „vergessenen“ Bilder und Perspektiven zu suchen. Die Arbeit von ostdeutschen Fotografen aus der Wendezeit ist hierfür eine unschätzbare Quelle.
Fallstudie: Vergessene ostdeutsche Fotografen der Wendezeit
Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur leistet hier Pionierarbeit, indem sie die Archive ostdeutscher Fotografen sichert und zugänglich macht. Ein herausragendes Beispiel ist das Werk von Dirk Krüll. Seine Werk-Zyklen wie „Kombinate“ oder „Technische Denkmale“, die den Zustand der ostdeutschen Industrie im Umbruch von 1991-1993 dokumentieren, zeigen eine völlig andere Realität als die Jubelbilder vom Brandenburger Tor. Sie zeigen Verfall, Unsicherheit und das Verschwinden einer ganzen Lebenswelt. Diese Bilder sind das visuelle Gedächtnis eines untergegangenen Systems – ein notwendiges und schmerzhaftes Korrektiv zur westlichen Siegeserzählung.

Die melancholische Ästhetik solcher Aufnahmen steht im scharfen Kontrast zum dynamischen Freiheitsjubel der bekannten Ikonen. Sie erzählen nicht von Sieg, sondern von Verlust, Transformation und der komplexen Realität der Nachwendejahre. Sie zu ignorieren bedeutet, einen entscheidenden Teil der gesamtdeutschen Geschichte auszublenden und die Spaltung des Landes im kollektiven Gedächtnis fortzuschreiben.
Wann verdrängen neue Krisenbilder die alten Ikonen aus dem Bewusstsein?
Das kollektive Bildgedächtnis ist kein statisches Archiv. Es ist ein dynamisches Feld, in dem Bilder um Aufmerksamkeit konkurrieren. Ikonen, selbst so mächtige wie die des Mauerfalls, sind nicht für die Ewigkeit zementiert. Sie können durch neue, emotional ebenso aufrüttelnde Krisenbilder überlagert oder in ihrer Bedeutung relativiert werden. Die Anschläge des 11. September 2001, die Bilder der Flüchtlingskrise 2015 oder die visuellen Zeugnisse der COVID-19-Pandemie haben das globale Bildgedächtnis mit neuen, prägnanten Ikonen des Traumas, der Flucht und der Isolation besetzt. Jede neue Krise schafft ihren eigenen visuellen Kanon und beansprucht kognitiven und emotionalen Raum.
Gleichzeitig erleben wir eine digitale Bilderflut, die die besondere Stellung einzelner Ikonen untergräbt. Während 1989 noch eine überschaubare Zahl von professionellen Fotografen das Geschehen dokumentierte, wird heute jedes historische Ereignis von Millionen von Smartphones festgehalten. Das Internet-Archiv „Wir waren so frei“ der bpb, das rund 7.000 Amateurfilme und -fotos zur Wendezeit versammelt, illustriert die immense Menge an ungesehenem Material, das dem offiziellen Kanon gegenübersteht. Diese „Inflation der Bilder“ macht es schwieriger, dass sich einzelne Aufnahmen als universal gültige Ikonen etablieren können.
Hinzu kommt ein Generationeneffekt. Für Menschen, die den Mauerfall miterlebt haben, sind die Bilder mit authentischen Emotionen und persönlichen Erinnerungen verknüpft. Für jüngere Generationen sind sie oft nur noch endlos reproduzierte Medieninhalte, die ihre ursprüngliche emotionale Wucht verloren haben. Sie kennen die Bilder, aber sie „fühlen“ sie nicht mehr auf die gleiche Weise.
Im ZDF-Generationendialog ‚Wahnsinn 89‘ diskutierten Udo Lindenberg und Josephin Busch über die unterschiedliche Wahrnehmung der Mauerfall-Bilder: Während Lindenberg die originalen Momente erlebte, kennt Buschs Generation sie nur als endlos reproduzierte Medienikonen, die ihre authentische Kraft verloren haben.
– ZDF Presseportal
Der Lebenszyklus einer Ikone ist also begrenzt. Sie entsteht in einem spezifischen historischen und medialen Kontext, dominiert für eine gewisse Zeit das kollektive Gedächtnis und verblasst dann langsam, wenn neue Bilder und neue Generationen mit anderen Referenzpunkten die Bühne betreten. Die Ikone stirbt nicht, aber sie wird zu einem historischen Zitat, dessen emotionale Dringlichkeit nachlässt.
Warum unser Gehirn Bilder 60.000-mal schneller verarbeitet als Text
Die Dominanz von Bildern in unserem Gedächtnis ist nicht nur eine soziologische, sondern auch eine tiefgreifende neurobiologische Tatsache. Unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgelegt, visuelle Informationen mit extremer Geschwindigkeit zu dekodieren. Die oft zitierte, wenn auch nicht streng wissenschaftlich belegte, Zahl, dass wir Bilder 60.000-mal schneller verarbeiten als Text, verweist auf einen fundamentalen kognitiven Vorteil: Bilder umgehen die mühsame, lineare Dekodierung von Buchstaben und Sätzen und liefern eine unmittelbare, ganzheitliche emotionale und informative Botschaft. Dies erklärt, warum ein einziges Foto eine stärkere und nachhaltigere Wirkung haben kann als ein langer Zeitungsartikel.
Zwei psychologische Effekte sind hierbei besonders wirksam. Erstens, der Mere-Exposure-Effekt (Effekt der bloßen Darbietung). Dieses Prinzip besagt, dass wir dazu neigen, eine positive Bewertung für Dinge zu entwickeln, denen wir wiederholt ausgesetzt sind. Die jährliche Wiederholung derselben fünf Mauerfall-Bilder in den Medien zum 9. November ist ein perfektes Beispiel. Diese ständige Präsenz konditioniert unser Gehirn darauf, diese Bilder als die einzig „wahre“ und „wichtige“ Darstellung des Ereignisses zu akzeptieren. Sie fühlen sich vertraut und richtig an, einfach weil wir sie so oft gesehen haben.
Zweitens nutzt unser Gehirn Bilder als eine Form der kognitiven Entlastung durch visuelle Synekdoche. Eine Synekdoche ist eine rhetorische Figur, bei der ein Teil für das Ganze steht (pars pro toto). Im visuellen Kontext bedeutet das: Ein einziges, einfaches Bild steht für einen gesamten, hochkomplexen Prozess. Das Bild eines einzelnen Trabis, der die Grenze überquert, repräsentiert so den gesamten Prozess der Grenzöffnung, die Reisefreiheit für Millionen, das Ende der DDR und den Beginn der Wiedervereinigung. Indem wir uns an dieses eine Bild erinnern, sparen wir die kognitive Energie, die erforderlich wäre, um all diese komplexen Zusammenhänge jedes Mal neu zu durchdenken. Die Ikone ist eine mentale Abkürzung – effizient, aber auch hochgradig reduktionistisch.
Warum das Bild der „Mutter mit Kind“ in jeder Kultur funktioniert
Über den spezifischen historischen Kontext hinaus schöpfen die wirkungsvollsten Bildikonen ihre Kraft oft aus universellen, archetypischen Mustern, die tief im menschlichen Bewusstsein verankert sind. Das Bild der „Mutter mit Kind“ ist ein klassisches Beispiel; es evoziert kulturübergreifend Assoziationen von Schutz, Unschuld, Zukunft und der fundamentalen menschlichen Bindung. Diese archetypische Bildsprache funktioniert, weil sie an grundlegende menschliche Erfahrungen und Emotionen andockt, die keiner textlichen Erklärung bedürfen.
Auch die Ikonen des Mauerfalls lassen sich durch diese archetypische Linse analysieren. Sie sind nicht nur deshalb so erfolgreich, weil sie ein historisches Ereignis dokumentieren, sondern weil sie universelle Narrative bedienen:
- Der Held: Das Bild des jungen Mannes, der auf die Mauer klettert und mit einem Hammer auf sie einschlägt, repräsentiert den Archetyp des einsamen Helden, des Individuums, das sich gegen ein übermächtiges System auflehnt. Es ist David gegen Goliath, ein universell verständliches Narrativ von Mut und Selbstermächtigung.
- Die kollektive Befreiung: Die Bilder der Menschenmassen, die auf der Mauer am Brandenburger Tor tanzen und feiern, sprechen den Archetyp des Volksfestes und der kollektiven Ekstase an. Es ist die visuelle Manifestation einer Gemeinschaft, die ihre Fesseln abwirft – ein Motiv, das von der Französischen Revolution bis zum Arabischen Frühling Resonanz findet.
- Die Wiedervereinigung der Familie: Szenen, in denen sich wildfremde Menschen aus Ost und West weinend in den Armen liegen, aktivieren den Archetyp der wiedervereinten Familie. Sie symbolisieren die Heilung einer tiefen Wunde, die Rückkehr zur Normalität und die Überwindung einer unnatürlichen Trennung.
Indem diese Bilder an solche tief sitzenden, emotionalen Muster anknüpfen, transzendieren sie ihren rein dokumentarischen Charakter. Sie werden zu Symbolen, die weit über den 9. November 1989 hinausweisen. Ihre Kraft liegt in dieser doppelten Kodierung: Sie sind gleichzeitig spezifisch-historisch und universal-menschlich. Genau diese Verbindung macht sie so widerstandsfähig gegenüber dem Vergessen und so leicht exportierbar in den globalen Bilderkanon.
Das Wichtigste in Kürze
- Der visuelle Kanon des Mauerfalls ist keine neutrale Abbildung, sondern ein primär westlich geprägtes Konstrukt, das eine spezifische „Siegererzählung“ fördert.
- Die Auswahl ikonischer Bilder wird durch die ökonomische Macht von Bildagenturen und kognitive Vereinfachungsmechanismen wie die visuelle Synekdoche gesteuert.
- Eine kritische Geschichtsvermittlung erfordert die aktive Suche nach und die Einbeziehung alternativer, insbesondere ostdeutscher Bildquellen, um eine multiperspektivische Sichtweise zu gewährleisten.
Warum lösen manche Bilder nationale Trauer aus und andere nicht?
Bilder werden dann zu nationalen Ikonen, wenn sie in der Lage sind, an ein kollektives Gefühl anzuknüpfen und eine Geschichte zu erzählen, die für die Identität der Nation von zentraler Bedeutung ist. Doch nicht jedes erschütternde Bild löst dieselbe Reaktion aus. Der entscheidende Faktor ist, ob das Bild ein Narrativ unterstützt, das die Nation über sich selbst erzählen möchte. Die Bilder des Mauerfalls waren so erfolgreich, weil sie ein überwältigend positives nationales Narrativ bedienten: das der friedlichen Revolution, der überwundenen Teilung und der wiedergefundenen Einheit. Sie sind Bilder des Jubels und der Versöhnung, die es Deutschland ermöglichten, der Welt und sich selbst eine Erfolgsgeschichte zu präsentieren.
Im Gegensatz dazu gibt es Bilder, die nationale Trauer oder Scham auslösen, aber nur schwer in ein positives Selbstbild integriert werden können. Bilder von den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 oder die Porträts der Opfer des NSU-Terrors rütteln die Nation auf, aber sie stören die Erzählung vom geläuterten, weltoffenen Deutschland. Sie zeigen Risse in der Fassade und werden daher oft eher verdrängt oder nur in spezifischen Gedenkkontexten erinnert, anstatt permanent im visuellen Mainstream präsent zu sein.
Eine Bildikone, die nationale Trauer auslöst, muss also mehr tun, als nur ein tragisches Ereignis zu dokumentieren. Sie muss das Potenzial bieten, in einen Prozess der kollektiven Sinnstiftung überführt zu werden. Die Bilder des 11. September 2001 in den USA lösten nicht nur Trauer aus, sondern wurden sofort zu Symbolen nationaler Widerstandsfähigkeit und Einigkeit („United We Stand“). Sie dienten der Mobilisierung. Ob ein Bild also Trauer, Scham oder Stolz auslöst und ob es im kollektiven Gedächtnis verbleibt, hängt stark davon ab, wie es sich in die gewünschte nationale Selbsterzählung einfügt. Die Ikonen des Mauerfalls erzählen die Geschichte eines Happy Ends – und genau deshalb erinnern wir uns so gerne an sie.
Für Kulturwissenschaftler und Journalisten bedeutet dies die ständige Verpflichtung, nicht nur die Bilder zu analysieren, die wir sehen, sondern vor allem auch jene, die uns vorenthalten werden. Nur durch das bewusste Öffnen der Archive und das Geben einer Stimme an die vergessenen Bilder kann ein vollständigeres und ehrlicheres Bild der deutschen Geschichte gezeichnet werden. Die eigentliche Arbeit beginnt dort, wo der visuelle Kanon endet.