Veröffentlicht am März 11, 2024

Die Homogenität in deutschen Bildredaktionen ist kein Imageproblem, sondern ein strategisches Handicap, das die journalistische Qualität mindert und den Verlust von Publikum riskiert.

  • Der historisch gewachsene „weisse, männliche Blick“ (Gaze) verzerrt die visuelle Darstellung von Schlüsselthemen wie Migration, Armut und Klimakrise.
  • Authentizität und Vertrauen, die für tiefgründige Reportagen unerlässlich sind, entstehen oft nur durch Fotografen, die einen echten Zugang zu den Gemeinschaften haben.

Empfehlung: Gehen Sie über symbolische „Alibi-Einstellungen“ hinaus und leiten Sie eine strukturelle Transformation Ihrer Redaktionskultur und Auswahlprozesse ein, um in einem pluralistischen Deutschland relevant zu bleiben.

Fast ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte. Diese demografische Realität spiegelt sich jedoch kaum in den deutschen Redaktionen wider – und noch weniger hinter der Kamera. Die Debatte über Diversität im Journalismus wird oft als moralische Verpflichtung geführt, als Appell für mehr Fairness und Repräsentation. Zwar sind diese Appelle richtig und wichtig, doch sie greifen zu kurz. Sie übersehen den Kern des Problems: Die mangelnde Vielfalt ist kein ethisches Defizit, sondern ein handfestes strategisches und qualitatives Problem, das die Zukunftsfähigkeit von Medienhäusern direkt bedroht.

Wir sehen immer wieder die gleichen Bilder: Koffer, Zäune und Boote, wenn es um Migration geht; heruntergekommene Fassaden bei Armut; schmelzende Eisberge bei der Klimakrise. Diese visuellen Klischees sind nicht nur eine Vereinfachung, sie sind das Symptom einer tieferliegenden Krankheit. Sie sind das Ergebnis eines homogenen Blicks, eines historisch gewachsenen „medialen Gaze“, der die Welt aus einer einzigen Perspektive betrachtet und dabei riesige Teile der gesellschaftlichen Wirklichkeit ausblendet. Die Frage ist also nicht nur, *was* wir zeigen, sondern vor allem, *wer* hinschaut.

Wenn wir es ernst meinen mit der Aufgabe, die gesamte Gesellschaft abzubilden und zu erreichen, müssen wir aufhören, Diversität als „Nettigkeit“ zu betrachten. Es ist an der Zeit, die Einstellung von Fotografinnen und Fotografen mit Migrationsgeschichte als das zu erkennen, was sie ist: eine strategische Notwendigkeit zur Sicherung journalistischer Qualität, Glaubwürdigkeit und wirtschaftlicher Relevanz. Dieser Artikel analysiert, warum der Wandel dringend ist, welche strukturellen Hürden im Weg stehen und wie Redaktionen den entscheidenden Schritt von der Alibi-Politik zur echten Transformation schaffen können.

Wie verändert sich der Blick auf Frauen, wenn Frauen fotografieren?

Die Diskussion über den „male gaze“ ist nicht neu, aber ihre Relevanz für den Fotojournalismus wird oft unterschätzt. Wenn überwiegend Männer die visuellen Narrative prägen, entstehen zwangsläufig einseitige Darstellungen. Doch dies ist nur ein Symptom eines weitaus grösseren Problems. Laut einer Studie zur Geschlechterverteilung im Rahmen des Berichts „The State of News Photography“ wurde schon 2016 eine fundamentale Ungleichheit im Berufsfeld attestiert. Die Frage nach der Perspektive von Frauen ist daher ein wichtiger Einstiegspunkt, um die Mechanismen von Ausschluss und Repräsentation generell zu verstehen.

Das Problem beginnt weit vor dem eigentlichen Fotografieren. Die Medienwissenschaftlerin Anna Spindelndreier bringt es auf den Punkt: „Es reicht nicht, nur vom Endprodukt Foto auszugehen, da vorher schon zu viele Weichen gestellt sind“. Diese Weichenstellungen sind oft unsichtbar und tief in den Strukturen verankert. Sie betreffen nicht nur, wer Aufträge erhält, sondern auch die Werkzeuge selbst. Der strukturelle Ausschluss ist sogar in der Technikgeschichte der Fotografie eingeschrieben.

Fallstudie: Der „Racial Bias“ in der Fototechnik

Die amerikanische Publizistin Sarah Lewis untersuchte in einem viel beachteten Artikel, wie die Fotografie historisch auf helle Haut als Norm kalibriert wurde. Was in der analogen Fotografie die chemische Zusammensetzung von Filmen war, sind heute die Algorithmen und Farbprofile in Digitalkameras und Bildbearbeitungsprogrammen. Diese technische Voreinstellung, die andere Hauttöne als Abweichung definiert, die einer Korrektur bedarf, hat weitreichende Konsequenzen. Sie formt unbewusst, wie Menschen visuell dargestellt und wahrgenommen werden, und beweist, dass der dominante Blickwinkel bis in die technische DNA des Mediums eingedrungen ist.

Die Auseinandersetzung mit dem „female gaze“ zwingt uns also, über die Besetzung von Fotografenstellen hinauszudenken. Sie fordert uns auf, die technischen Standards, die Bildauswahlprozesse und die zugrundeliegenden Machtverhältnisse in den Redaktionen kritisch zu hinterfragen. Erst wenn diese strukturellen Weichen neu gestellt werden, kann sich der Blick wirklich diversifizieren – und das gilt für die Darstellung von Geschlecht genauso wie für Herkunft, Klasse oder Behinderung.

Warum ein Fotograf aus der Community andere Bilder bekommt als ein Aussenstehender

Ein externer Fotograf, egal wie einfühlsam er ist, bleibt oft ein Gast. Er betritt eine Lebenswelt für eine begrenzte Zeit, um eine Geschichte zu „holen“. Ein Fotograf, der selbst Teil dieser Gemeinschaft ist, muss keine Türen öffnen – sie sind bereits offen. Er versteht die Codes, die Nuancen und die internen Dynamiken. Das Ergebnis ist eine fundamentally andere Art von Bild: eines, das von innen heraus entsteht, nicht von aussen draufblickt. Es ist der Unterschied zwischen Beobachtung und Teilhabe.

Diese visuelle Authentizität basiert auf einem Fundament aus Vertrauen. Menschen agieren anders vor einer Kamera, wenn sie wissen, dass die Person dahinter ihre Realität teilt und versteht. Die Posen fallen weg, die Paraden für den fremden Blick verschwinden. Stattdessen entsteht eine Intimität, die es ermöglicht, den Alltag in seiner Komplexität und Normalität zu dokumentieren, anstatt ihn auf dramatische oder stereotype Momente zu reduzieren. Dies ist keine Frage des technischen Könnens, sondern des sozialen Zugangs.

Fotograf mit Migrationshintergrund dokumentiert Alltagsleben in einem Berliner Kiez

Wie das Bild oben andeutet, entsteht in solchen Konstellationen eine natürliche Interaktion. Die Kamera wird vom Fremdkörper zum unauffälligen Werkzeug der Selbstbeschreibung. Angesichts der Tatsache, dass fast 30 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands einen Migrationshintergrund haben, ist die Beauftragung von externen Fotografen für diese Themen nicht nur eine verpasste Chance, sondern eine bewusste Entscheidung gegen Authentizität. Es ist die Entscheidung, die Deutungshoheit über diese Lebenswelten bei denjenigen zu belassen, die sie nicht von innen kennen.

Die Bundeszentrale für politische Bildung betont treffend, dass Medien „durch das Erzeugen spezifischer Bilder und Narrative zu gesellschaftlicher Integration, aber eben auch zu Ausgrenzung beitragen“ können. Fotografen aus der Community sind der wirksamste Hebel, um ausgrenzende Narrative durch authentische und integrierende Bilder zu ersetzen. Sie liefern nicht nur Fotos, sondern Kontext, Tiefe und eine Perspektive, die für Aussenstehende unerreichbar bleibt.

Wie bebildern Sie „Migration“ ohne Koffer und Zäune?

Die visuelle Darstellung von Migration im deutschen Journalismus ist in einer Endlosschleife aus Symbolbildern gefangen. Geflüchtete in Schlauchbooten, Menschenschlangen an Grenzzäunen, Familien mit Koffern auf staubigen Strassen – diese Bilder sind zwar oft real, reduzieren ein vielschichtiges Phänomen aber auf den reinen Akt der Flucht und Ankunft. Sie zementieren das Bild des Migranten als passives Opfer oder anonyme Bedrohung und ignorieren die Vielfalt der Gründe und Lebenswege, die Menschen nach Deutschland führen.

Ein Blick auf die Fakten offenbart die Diskrepanz zwischen Bild und Wirklichkeit. Zeigt eine Analyse der Einwanderungsgründe zwischen 2015 und 2021, dass Flucht und Asyl zwar einen wichtigen Teil ausmachen (31 %), aber Erwerbstätigkeit (23 %) und Familienzusammenführung (21 %) fast ebenso bedeutsam sind. Wo sind die Bilder des syrischen IT-Spezialisten im neuen Job, der polnischen Pflegekraft im Alltag oder der türkischen Familie, die seit drei Generationen in Deutschland lebt und arbeitet? Ihre Geschichten werden visuell kaum erzählt.

Dieses Versäumnis ist das direkte Resultat dessen, was in der Medientheorie als der „mediale Gaze“ bezeichnet wird. Dieser Begriff, abgeleitet vom „male gaze“ der feministischen Filmtheorie, beschreibt einen dominanten, oft unbewussten Blickwinkel, der als neutral und universell gilt, obwohl er zutiefst spezifisch ist. In westlichen Gesellschaften ist dieser Blick überwiegend weiss und männlich. Er marginalisiert andere Perspektiven und reproduziert beständig die eigene Sicht auf die Welt. Die Bildsprache der Migration ist ein Paradebeispiel für die Wirkung dieses „white gaze“: Sie fokussiert auf das, was aus der dominanten Perspektive als „anders“ oder „problematisch“ erscheint – die Grenzüberschreitung – und ignoriert die Normalität des Lebens danach.

Um aus diesem Kreislauf auszubrechen, müssen Redaktionen eine bewusste Entscheidung treffen: die Entscheidung, die Normalität zu zeigen. Das bedeutet, Menschen mit Migrationsgeschichte in allen Lebensbereichen abzubilden – als Nachbarn, Kollegen, Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler. Es bedeutet, den Fokus von der Herkunft auf den Beitrag, vom Defizit auf die Ressource zu lenken. Dies erfordert Fotografen, die selbst Teil dieser Normalität sind und sie nicht als exotisch empfinden.

Das Risiko, einen Alibi-Fotografen zu beschäftigen, ohne Strukturen zu ändern

Der Druck, diverser zu werden, wächst. Eine schnelle und sichtbare Reaktion darauf ist die Einstellung eines Fotografen mit Migrationsgeschichte. Doch genau hier lauert die Falle der Alibi-Diversität. Eine einzelne Person einzustellen, ohne die zugrundeliegenden Machtstrukturen, Entscheidungsprozesse und die Redaktionskultur zu verändern, ist nicht nur ineffektiv, sondern zynisch. Es ist ein Versuch, das Erscheinungsbild zu ändern, ohne die Substanz anzutasten.

Das Problem liegt in der Hierarchie. Solange die Führungsetagen homogen bleiben, wird sich an der Bildauswahl und der Auftragsvergabe wenig ändern. Die Zahlen sind ernüchternd: Laut Mediendienst Integration haben nur sechs Prozent der Chefredakteurinnen und Chefredakteure in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte. Und Schätzungen der „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“ zufolge liegt der Anteil von Journalistinnen mit Migrationsgeschichte insgesamt nur bei 5 bis 10 Prozent. Ein Fotograf mit einer anderen Perspektive kämpft in einem solchen Umfeld oft auf verlorenem Posten. Seine unkonventionellen Bildvorschläge werden möglicherweise nicht verstanden oder als „nicht relevant“ abgelehnt, weil sie nicht den gewohnten Seh-Mustern der Bildchefs entsprechen.

Diverse Bildredaktion bei der gemeinsamen Arbeit an der Fotoauswahl

Echte Veränderung ist kein Personal-, sondern ein Organisationsentwicklungsthema. Sie erfordert, dass die gesamte Redaktion, insbesondere die Entscheidungsträger, ihre eigenen blinden Flecken erkennen und bereit sind, ihre Arbeitsweisen zu ändern. Es geht darum, eine Kultur zu schaffen, in der unterschiedliche Perspektiven nicht nur geduldet, sondern aktiv gesucht und als Bereicherung verstanden werden. Das bedeutet, die Kriterien für ein „gutes Bild“ zu überdenken und die Definition von „Relevanz“ zu erweitern.

Aktionsplan: Ihren Redaktions-Audit zur visuellen Diversität starten

  1. Bestandsaufnahme: Analysieren Sie Ihr Bildarchiv der letzten 12 Monate. Welche Themen werden wiederholt mit welchen stereotypen Motiven bebildert? Wo sind die Lücken?
  2. Fotografen-Pool prüfen: Wie divers ist Ihr Pool an freien und festen Fotografen? Welche Perspektiven fehlen systematisch? Erstellen Sie eine Liste von Fotografen, die diese Lücken füllen könnten.
  3. Entscheidungsprozesse hinterfragen: Wer trifft die endgültige Bildauswahl? Nach welchen Kriterien? Fördern diese Kriterien Vielfalt oder reproduzieren sie das Bekannte?
  4. Feedback-Kultur etablieren: Schaffen Sie einen Raum, in dem Fotografen ihre Bildideen und Perspektiven ohne Angst vor Ablehnung einbringen können. Hören Sie aktiv zu, anstatt nur Aufträge zu verteilen.
  5. Briefings überarbeiten: Formulieren Sie Aufträge offener. Anstatt nach einem spezifischen Klischeebild zu fragen („Frau mit Kopftuch im Supermarkt“), briefen Sie auf die dahinterliegende Geschichte („Alltag und Selbstbestimmung einer muslimischen Frau“).

Ohne diese tiefgreifenden Anpassungen wird der neu eingestellte Fotograf zur Feigenblatt-Figur. Er soll nach aussen Vielfalt signalisieren, während intern alles beim Alten bleibt. Das führt nicht nur zu Frustration bei dem Betroffenen, sondern verhindert auch nachhaltig echten Wandel.

Welche Stipendien unterstützen Fotografen aus unterrepräsentierten Gruppen?

Die Ausrede „Wir finden ja keine“ ist längst nicht mehr haltbar. Die Suche nach Fotografen aus unterrepräsentierten Gruppen erfordert zwar mehr Aufwand als der Griff zum altbekannten Adressbuch, aber die Ressourcen sind vorhanden. Es gibt eine wachsende Zahl von Plattformen, Netzwerken und Förderprogrammen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, genau diese Talente sichtbar zu machen und zu fördern. Redaktionen müssen nur bereit sein, diese neuen Wege zu gehen.

Die aktive Suche ist kein Selbstzweck, sondern eine Investition in die eigene Relevanz. Wie das Portal Fashion Changers in einem Artikel über das Diversitätsproblem im Journalismus schreibt: „Wer sich nicht repräsentiert sieht, hat weniger gute Gründe, ein Medium zu konsumieren (und eventuell finanziell zu unterstützen)“. In einem diverser werdenden Land ist die Fähigkeit, unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen und an sich zu binden, eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens.

Anstatt auf Bewerbungen zu warten, müssen Bildredaktionen proaktiv auf die Suche gehen. Hier sind einige konkrete Anlaufstellen, die den Einstieg erleichtern:

  • Spezialisierte Bildagenturen und Plattformen: Initiativen wie Gesellschaftsbilder.de oder Inkfoto bieten gezielt Bildmaterial an, das Menschen mit Behinderung oder mit sichtbarer Migrationsgeschichte klischeefrei und im Alltag darstellt. Die Nutzung dieser Agenturen ist ein erster, einfacher Schritt.
  • Netzwerke für Fotografinnen: Organisationen wie der deutsche Female Photo Club oder internationale Netzwerke wie Women Photograph stellen umfangreiche Datenbanken mit Fotografinnen aus aller Welt zur Verfügung. Diese sind oft nach Fachgebieten und geografischer Lage durchsuchbar.
  • Internationale Datenbanken: Für globale Themen bietet die World Press Photo Foundation mit der African Photojournalism Database (APJD) eine exzellente Ressource, um Talente aus oft unterrepräsentierten Regionen des afrikanischen Kontinents zu finden.
  • Stipendien und Preise: Programme wie das Joop Swart Masterclass, die Magnum Foundation oder diverse nationale Fotopreise sind exzellente Orte, um aufstrebende Talente zu entdecken. Ein gezielter Blick auf die Nominierten und Gewinner lohnt sich.

Diese Liste ist nur ein Anfang. Der entscheidende Schritt für Redaktionen ist der Mentalitätswandel: weg von der passiven Erwartungshaltung, hin zur aktiven, neugierigen und systematischen Suche. Es geht darum, das Scouting von Talenten als integralen Bestandteil der redaktionellen Arbeit zu verstehen.

Wie fotografieren Sie Armut in Deutschland ohne die Würde der Betroffenen zu verletzen?

Die Darstellung von Armut ist eine der heikelsten Aufgaben im Fotojournalismus. Zu oft rutscht die Bildsprache ins Voyeuristische oder Mitleidige ab. Wir sehen Bilder von Menschen an Tafeln, von vernachlässigten Kindern oder von Obdachlosen auf der Strasse – Bilder, die zwar eine Realität zeigen, die Betroffenen aber auf ihr Defizit reduzieren und sie ihrer Würde berauben. Sie werden zu Objekten einer Geschichte, nicht zu Subjekten mit eigener Handlungsmacht. Hier wird die Frage der Perspektive existenziell.

Ein Fotograf, der selbst Erfahrungen mit sozialer Benachteiligung oder einem ähnlichen sozioökonomischen Hintergrund hat, bringt eine andere Sensibilität mit. Er weiss um die Stigmatisierung und die Scham, die mit Armut verbunden sein können. Dieser gemeinsame Erfahrungshorizont kann eine Vertrauensbasis schaffen, die respektvollere und differenziertere Bilder ermöglicht. Anstelle von reisserischen Elendsbildern können so Geschichten über Resilienz, Gemeinschaft und den täglichen Kampf um ein normales Leben entstehen.

Die Dringlichkeit einer solchen differenzierten Darstellung wird besonders deutlich, wenn wir Armut und Migration zusammen denken. In Deutschland haben 42,6 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund. Kinderarmut ist in dieser Gruppe überproportional hoch. Eine stereotype Armutsberichterstattung, die dies ignoriert oder vereinfacht, trägt zur doppelten Stigmatisierung dieser Kinder bei – wegen ihrer sozialen Lage und ihrer Herkunft. Fotografen mit Migrationsgeschichte können hier als wichtige Brückenbauer fungieren, um diese komplexen, intersektionalen Realitäten adäquat abzubilden.

Initiativen wie die „Neuen deutschen Medienmacher*innen“ leisten wichtige Arbeit, indem sie das Bewusstsein für solche Fallstricke schärfen und für mehr Diversität in den Redaktionen kämpfen. Es geht darum, Armut nicht als exotisches Phänomen darzustellen, sondern als Teil der gesellschaftlichen Realität, der jeden treffen kann. Eine würdige Bildsprache fokussiert auf die Stärke der Menschen, nicht auf ihre Bedürftigkeit, und zeigt sie in ihrem sozialen Kontext – als Eltern, Freunde und Nachbarn.

Die Fähigkeit, komplexe soziale Realitäten mit Würde abzubilden, ist ein Qualitätsmerkmal, das direkt aus der Perspektive und Erfahrung des Fotografen erwächst.

Warum erinnern wir uns an den Mauerfall fast nur durch fünf spezifische Bilder?

Der Fall der Berliner Mauer ist eines der prägendsten Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte. Doch unser kollektives visuelles Gedächtnis davon ist erstaunlich schmal. Es beschränkt sich auf eine Handvoll ikonischer Bilder: Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor, der Trabi, der die Grenze passiert, der Cellist Rostropowitsch am Checkpoint Charlie. Diese Bilder sind kraftvoll, aber sie erzählen nur einen kleinen Teil der Geschichte. Sie wurden fast ausnahmslos von westdeutschen oder internationalen Fotografen gemacht und spiegeln deren Blick auf das Ereignis wider.

Dieses Phänomen zeigt eindrücklich, wie ein homogener Blick die Geschichtsschreibung prägt. Eine kleine Gruppe von Akteuren mit einer ähnlichen Perspektive definiert, was als erinnerungswürdig gilt. Andere Narrative – etwa die der Vertragsarbeiter in der DDR, der osteuropäischen Nachbarn oder der Menschen mit Migrationsgeschichte auf beiden Seiten der Mauer – finden in dieser Ikonografie kaum statt. Ihre Erfahrungen werden aus dem visuellen Gedächtnis der Nation getilgt.

Dieser Mechanismus hat eine lange Tradition im deutschen Journalismus. Wie ein Blick in die Geschichte zeigt, war der westdeutsche Fotojournalismus der Nachkriegszeit stark von Personen geprägt, die bereits während des Nationalsozialismus aktiv waren. In der deutschsprachigen Wikipedia zum Thema Fotojournalismus heisst es: „Fotografen wie Benno Wundshammer, Hilmar Pabel oder Hanns Hubmann entwickelten sich – ungeachtet ihrer früheren Mitarbeit in Propagandakompanien – zu Stars der nachkriegsdeutschen Fotojournalismusszene“. Der dominante Blick wurde also über Systemgrenzen hinweg tradiert und weitergegeben. Es ist dieser historisch gewachsene, selten hinterfragte Konsens darüber, wie die Welt auszusehen hat, der bis heute nachwirkt.

Der Mauerfall ist daher eine Mahnung. Er zeigt, dass ein Mangel an Vielfalt hinter der Kamera nicht nur die Berichterstattung über die Gegenwart verzerrt, sondern auch das Bild der Vergangenheit formt und verengt. Hätten wir mehr Bilder von Fotografinnen, von Ostdeutschen, von Menschen mit anderer Herkunft, wäre unsere Erinnerung an dieses Ereignis heute reicher, komplexer und wahrhaftiger. Diese Lektion müssen wir auf aktuelle Grossereignisse anwenden.

Die Verengung der Perspektive bei historischen Ereignissen ist ein Warnsignal für die Art und Weise, wie wir aktuelle globale Krisen wie den Klimawandel visuell verarbeiten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Qualität statt Moral: Die Einstellung von Fotografen mit Migrationsgeschichte ist keine ethische Geste, sondern eine strategische Notwendigkeit zur Steigerung von journalistischer Qualität, Authentizität und Publikumsrelevanz.
  • Struktur vor Personal: Echte Veränderung entsteht nicht durch „Alibi-Einstellungen“, sondern durch eine tiefgreifende Transformation der Redaktionskultur, der Auswahlkriterien und der Entscheidungsprozesse.
  • Der „mediale Gaze“: Der dominante, historisch gewachsene Blickwinkel im Journalismus führt zu stereotypen Bildern und blendet grosse Teile der gesellschaftlichen Wirklichkeit aus. Es braucht neue Perspektiven, um diesen zu durchbrechen.

Wie fotografieren Sie die Klimakrise so, dass Menschen handeln statt wegsehen?

Die Bildsprache der Klimakrise ist in eine ähnliche Falle getappt wie die der Migration. Schmelzende Gletscher, einsame Eisbären, verdorrte Landschaften – diese Bilder sind zwar eindrücklich, aber sie schaffen eine emotionale Distanz. Sie verorten das Problem weit weg, in der Arktis oder in fernen Wüsten, und machen es zu einem abstrakten, übermächtigen Phänomen. Das Ergebnis ist oft nicht Handlung, sondern Resignation und Apathie. Die Menschen sehen weg, weil sie sich ohnmächtig fühlen.

Eine vielfältigere Fotografenschaft kann hier neue Wege aufzeigen. Indem sie den Fokus von der fernen Katastrophe auf die lokalen Auswirkungen und vor allem auf die menschlichen Lösungsansätze lenkt. Anstelle von Eisbären brauchen wir Bilder von städtischen Gemeinschaftsgärten, von Ingenieurinnen, die an erneuerbaren Energien arbeiten, von Nachbarschaftsinitiativen, die sich für mehr Grün in ihrer Stadt einsetzen. Bilder, die Hoffnung machen, Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und die Menschen als aktive Gestalter der Zukunft porträtieren, nicht als passive Opfer.

Gerade Fotografen mit Migrationshintergrund können hier eine entscheidende Rolle spielen, da sie oft eine persönliche Verbindung zu den globalen Auswirkungen der Klimakrise haben. In Deutschland leben in Deutschland mit Einwanderungsgeschichte aus klimavulnerablen Regionen etwa 4,0 Millionen Menschen mit Wurzeln im Nahen und Mittleren Osten sowie 1,1 Millionen mit Wurzeln in Afrika. Für sie ist die Klimakrise keine abstrakte Bedrohung, sondern eine konkrete Realität, die ihre Herkunftsfamilien und -länder betrifft. Diese persönliche Betroffenheit ermöglicht eine andere, dringlichere und authentischere Erzählweise.

Zudem entstehen längst neue Narrative ausserhalb der etablierten Medien. Wie die Bundeszentrale für politische Bildung feststellt, wurde ein Wandel in der Medienlandschaft „von einer Welle an migrantischen YouTube-, Instagram- und Podcast-Formaten angeschoben“. Diese neuen Akteure erzählen Geschichten aus ihrer eigenen Perspektive und erreichen damit ein junges, diverses Publikum, das sich von den traditionellen Medien oft nicht mehr angesprochen fühlt. Wenn die etablierten Häuser nicht den Anschluss verlieren wollen, müssen sie lernen, diese Perspektiven zu integrieren und diesen Stimmen eine Plattform zu geben. Es geht darum, die Klimakrise als das zu zeigen, was sie ist: eine globale Herausforderung mit lokalen Lösungen, getragen von vielfältigen Menschen.

Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Die demografischen Fakten, die qualitativen Argumente und die strategischen Notwendigkeiten liegen auf dem Tisch. Es liegt nun an Ihnen als Entscheidungsträger in den Redaktionen, den Worten Taten folgen zu lassen. Beginnen Sie noch heute damit, Ihre festgefahrenen Prozesse zu auditieren, Ihren Fotografen-Pool aktiv zu diversifizieren und eine Kultur der Neugier und Offenheit zu schaffen. Die Zukunftsfähigkeit und Relevanz Ihres Mediums in einem pluralistischen Deutschland hängt davon ab.

Geschrieben von Renate Vonstein, Renommierte Bildredakteurin und Dozentin für Fotojournalismus mit über 25 Jahren Erfahrung bei führenden deutschen Tageszeitungen. Expertin für Bildethik, politische Ikonografie und die historische Einordnung von Pressefotografie.