Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Die Festanstellung für Fotografen ist nicht verschwunden, sie hat nur den Sektor gewechselt: vom Verlagswesen in den öffentlichen Dienst.

  • Öffentliche Arbeitgeber wie Polizei, Museen und Forschungsinstitute bieten sichere, tariflich geregelte Stellen nach TVöD.
  • Der Transfer von fotografischen Kernkompetenzen in neue Bereiche wie Digital Asset Management oder UX/UI-Design eröffnet alternative Karrierewege.

Empfehlung: Analysieren Sie Ihre Fähigkeiten jenseits des reinen Fotografierens und suchen Sie gezielt nach Nischenstellen wie „Fotodokumentarist“ oder „Wissenschaftlicher Fotograf“ auf Portalen wie bund.de und interamt.de.

Die Vorstellung des festangestellten Pressefotografen, der mit seiner Kamera um die Welt reist, gehört für viele zur romantischen Vergangenheit des Berufs. In der Realität sehen sich heute unzählige Bildjournalisten mit sinkenden Honoraren, unsicheren Aufträgen und dem ständigen Druck der Selbstvermarktung konfrontiert. Der Satz „Fotografen sind heute alle Freiberufler“ ist zu einer Binsenweisheit geworden, die den Eindruck erweckt, die Sicherheit einer Festanstellung sei ein unerreichbarer Luxus.

Diese Wahrnehmung, genährt durch die unbestreitbare Krise der klassischen Medienhäuser, übersieht jedoch eine entscheidende Entwicklung. Die Digitalisierung hat das alte Geschäftsmodell zwar zerstört, aber gleichzeitig neue Bedarfe in unerwarteten Sektoren geschaffen. Doch was, wenn die stabilsten und oft auch lukrativsten Jobs für Fotografen heute nicht mehr in den Redaktionen, sondern in den Amtsstuben von Polizei, in den Laboren von Forschungsinstituten oder den Archiven von Museen zu finden sind? Diese Nischen bieten nicht nur Sicherheit, sondern auch eine klare berufliche Perspektive abseits des Verdrängungswettbewerbs.

Dieser Artikel analysiert nüchtern die Realität des Arbeitsmarktes für Fotografen in Deutschland. Er zeigt auf, wo die sicheren Häfen der Festanstellung heute liegen, welche finanziellen Rahmenbedingungen im öffentlichen Dienst gelten und warum der strategische Wechsel von der kreativen zur dokumentarischen oder administrativen Tätigkeit oft der klügere Karriereschritt ist. Es ist ein Leitfaden für all jene, die nach Stabilität suchen, ohne ihre Leidenschaft für die Fotografie aufgeben zu müssen.

Um Ihnen einen klaren Überblick über diese neuen Realitäten zu geben, haben wir die wichtigsten Aspekte strukturiert. Der folgende Inhalt beleuchtet die Chancen im öffentlichen Dienst, die finanziellen Perspektiven und die notwendigen Anpassungen für eine zukunftssichere Karriere.

Warum Polizei, Feuerwehr und Museen heute mehr einstellen als Zeitungen

Während Verlagshäuser ihre Fotoabteilungen verkleinern oder komplett auflösen, wächst der Bedarf an hochspezialisierten Bildexperten im öffentlichen Sektor stetig. Der Grund ist einfach: Die Notwendigkeit einer präzisen, standardisierten und rechtssicheren visuellen Dokumentation nimmt zu. Ob bei der forensischen Tatort-Fotografie der Polizei, der Dokumentation von Einsatzabläufen bei der Feuerwehr oder der Digitalisierung von Kunst- und Kulturgütern in Museen und Archiven – hier geht es nicht um den schnellen Schnappschuss, sondern um methodische Genauigkeit und technische Perfektion.

Forensischer Fotograf bei der Arbeit in einem deutschen Polizeilabor mit Spezialkamera und Beweismaterial

Diese Institutionen suchen keine Allround-Pressefotografen, sondern Spezialisten, oft unter Bezeichnungen wie „Wissenschaftlicher Fotograf“ oder „Fotodokumentarist“. Die Anforderungsprofile sind anspruchsvoll und verlangen neben fotografischem Können oft auch Kenntnisse in Datenbankmanagement, Bildarchivierung und spezifischen Aufnahmetechniken. Im Gegenzug bieten diese Stellen eine Sicherheit, die der freie Markt kaum noch leisten kann: eine tariflich geregelte Bezahlung, feste Arbeitszeiten und einen krisenfesten Arbeitsplatz. Die Eingruppierung erfolgt typischerweise in die Entgeltgruppen E7 bis E9a im TVöD, was ein planbares und stabiles Einkommen garantiert.

Ihr Plan zur Jobsuche im öffentlichen Dienst

  1. Registrierung auf bund.de: Erstellen Sie ein Profil auf dem offiziellen Stellenportal des Bundes, um Ausschreibungen von Bundesbehörden zu erhalten.
  2. Nutzung von interamt.de: Nutzen Sie dieses Portal gezielt für Stellenangebote der Länder und Kommunen.
  3. Spezifische Suchbegriffe verwenden: Suchen Sie nicht nur nach „Fotograf“, sondern gezielt nach Begriffen wie „Wissenschaftlicher Fotograf“, „Fotodokumentarist“, „Bilddokumentation“ oder „Medientechniker“.
  4. Benachrichtigungen einrichten: Aktivieren Sie E-Mail-Benachrichtigungen für relevante Suchanfragen, um keine Fristen zu verpassen.
  5. Bewerbungsunterlagen anpassen: Richten Sie Ihr Anschreiben und Ihren Lebenslauf exakt an den formalen Anforderungen des öffentlichen Dienstes (TVöD-Standards) aus, anstatt eine kreative Mappe einzureichen.

Warum viele Fotografen den Auslöser gegen den Schreibtisch tauschen müssen

Die Realität des modernen Bildmarktes zwingt viele Fotografen zu einem fundamentalen Umdenken. Die reine Tätigkeit des Fotografierens rückt oft in den Hintergrund, während administrative, konzeptionelle und technologische Aufgaben an Bedeutung gewinnen. Dieser Wandel ist kein Verrat am Handwerk, sondern eine strategische Notwendigkeit. Die Fähigkeiten, die einen guten Fotojournalisten ausmachen – visuelles Storytelling, schnelles Arbeiten unter Druck und technisches Verständnis – sind auf dem Arbeitsmarkt weit über die Fotografie hinaus gefragt.

Immer mehr ehemalige Pressefotografen finden sich daher in Positionen wie Bildredakteur, Content-Manager, Social-Media-Manager oder Spezialist für Digital Asset Management (DAM) wieder. Hier ist ihre Expertise im Umgang mit Bildern, in der Bildauswahl und in der visuellen Kommunikation Gold wert. Sie tauschen den Auslöser gegen den Schreibtisch, bleiben aber im Kern visuelle Experten. Dieser „Kompetenztransfer“ ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Karriere. Anstatt sich in einem schrumpfenden Markt mit sinkenden Honoraren zu zermürben, nutzen sie ihre Kernkompetenzen in einem neuen, oft besser bezahlten Umfeld.

Dieser Schritt bedeutet eine Abkehr vom Ideal des unabhängigen Kreativen, führt aber oft zu mehr finanzieller Stabilität. Während laut einer Branchenumfrage das durchschnittliche Jahresbruttoeinkommen angestellter Fotografen bei 30.000-35.000 € liegt, können spezialisierte Positionen in der Bildverwaltung oder im Content-Marketing deutlich darüber liegen. Es ist eine pragmatische Entscheidung, die Leidenschaft für Bilder in einen neuen beruflichen Kontext zu überführen.

Karrierewechsel: Vom Feld zum Management

Eine Analyse von Canon Deutschland zur Zukunft des Fotojournalismus zeigt diesen Trend deutlich auf. Die neue Generation von visuellen Profis erweitert ihre Kompetenzen gezielt über das Einzelbild hinaus. Sie denken in multimedialen Geschichten, die Video und Audio miteinbeziehen, und nutzen soziale Medien nicht nur zur Verbreitung, sondern auch zur Kollaboration. Viele erfolgreiche Fotojournalisten von gestern sind heute die Bildstrategen, die in Unternehmen oder Organisationen die visuelle Kommunikation steuern und so ihre Expertise auf einer höheren Ebene einsetzen.

Was verdient ein Fotograf bei einer Behörde im TVöD?

Die Frage nach dem Gehalt ist für jeden, der Sicherheit sucht, von zentraler Bedeutung. Im Gegensatz zu den oft unvorhersehbaren und schwankenden Einkünften als Freiberufler bietet der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) eine transparente und verlässliche Gehaltsstruktur. Fotografen werden in der Regel je nach Komplexität der Aufgaben und erforderlicher Qualifikation in die Entgeltgruppen (EG) 7 bis 9a eingruppiert. Die Bezahlung steigt dabei automatisch mit der Berufserfahrung in sogenannten Erfahrungsstufen.

Arbeitsplatz eines Behördenfotografen mit Kameraausrüstung und TVöD-Gehaltsabrechnung auf dem Schreibtisch

Ein Berufseinsteiger in der EG 7 startet mit rund 2.800 € brutto, während ein erfahrener Spezialist in der EG 9a nach zehn Jahren über 4.000 € brutto verdienen kann. Hinzu kommen die im öffentlichen Dienst üblichen Sicherheiten wie eine garantierte Jahressonderzahlung (Weihnachtsgeld), ein Leistungsentgelt und eine betriebliche Altersvorsorge (Zusatzversorgungskasse), die in der freien Wirtschaft oft selbst finanziert werden müssen. Dieser finanzielle Rahmen bietet eine Planbarkeit, die im freien Journalismus kaum noch existiert.

Vergleicht man diese Zahlen mit der Realität von Freiberuflern, wird der Unterschied deutlich. Um nach Abzug von Betriebskosten, Versicherungen, Steuern und Altersvorsorge netto auf ein vergleichbares Einkommen zu kommen, muss ein freier Fotograf einen weitaus höheren Umsatz erzielen. Eine Branchenanalyse zeigt, dass ein freier Fotograf mindestens einen Jahresumsatz von 60.000 € erwirtschaften muss, um das Nettoeinkommen eines Angestellten in der Entgeltgruppe E8 zu erreichen – ein Ziel, das angesichts sinkender Honorare für viele unerreichbar ist.

Die folgende Tabelle gibt einen klaren Überblick über die Bruttomonatsgehälter im TVöD für die relevanten Entgeltgruppen und Erfahrungsstufen. Sie verdeutlicht die verlässliche Gehaltsentwicklung, die eine Anstellung im öffentlichen Dienst mit sich bringt.

TVöD Entgeltgruppen für Fotografen nach Erfahrungsstufen (VKA, Stand 2024)
Entgeltgruppe Stufe 1 (Einstieg) Stufe 3 (nach 3 Jahren) Stufe 5 (nach 10 Jahren)
E7 2.831€ 3.156€ 3.539€
E8 2.958€ 3.299€ 3.700€
E9a 3.058€ 3.520€ 4.073€

Das Risiko, an alten Rollenbildern festzuhalten und entlassen zu werden

Das Festhalten am traditionellen Bild des festangestellten Pressefotografen ist nicht nur nostalgisch, sondern auch riskant. Der Markt hat sich unumkehrbar verändert. Die Demokratisierung der Fotografie durch Smartphones und die Allgegenwart von Bildern haben den exklusiven Wert professioneller Pressefotos erodiert. Verlage stehen unter enormem Kostendruck und rationalisieren dort, wo sie es am einfachsten können: bei festangestellten Mitarbeitern in Support-Funktionen, zu denen Fotoabteilungen heute oft gezählt werden.

Wer heute noch eine der seltenen Festanstellungen in einem Verlagshaus innehat, sitzt oft auf einem wackeligen Stuhl. Die Gefahr einer betriebsbedingten Kündigung im Zuge von Umstrukturierungen oder der Schließung ganzer Abteilungen ist permanent präsent. Laut einer Umfrage der Mediengewerkschaft ver.di stellen etwa 80 Prozent der befragten Agenturen und Fotografen sinkende oder stagnierende Honorare fest – ein Indikator für den massiven Preisverfall, der auch die Verlage zu drastischen Sparmaßnahmen zwingt.

An alten Rollenbildern festzuhalten bedeutet, die eigene Verletzlichkeit zu ignorieren. Die Weigerung, neue Fähigkeiten zu erlernen oder alternative Karrierewege in Betracht zu ziehen, führt direkt in die berufliche Sackgasse. Der Markt verlangt Flexibilität und die Bereitschaft, die eigene Expertise in neue Kontexte zu übertragen. Wer darauf beharrt, „nur“ Fotograf zu sein, läuft Gefahr, von der Entwicklung überholt und letztlich aus dem Arbeitsmarkt gedrängt zu werden.

Es gibt nicht mehr viele Aufträge ausschließlich für feste Mitarbeiter. Fotojournalismus wird immer demokratischer: Jeder kann es machen, nicht nur Personen, die bei einer Zeitung arbeiten.

– Canon Deutschland, Die Zukunft des Fotojournalismus

Welche Rechte haben Sie, wenn der Verlag die Fotoabteilung schließt?

Die Nachricht von einer bevorstehenden Schließung der eigenen Abteilung ist ein Schock. Doch auch in dieser schwierigen Situation sind Arbeitnehmer in Deutschland nicht schutzlos. Das deutsche Arbeitsrecht bietet, insbesondere bei tarifgebundenen Unternehmen wie den meisten großen Verlagen, ein robustes Sicherheitsnetz. Werden Stellen aus betrieblichen Gründen abgebaut, greift das Kündigungsschutzgesetz (KSchG), sofern das Arbeitsverhältnis länger als sechs Monate besteht und der Betrieb mehr als zehn Mitarbeiter hat.

Ein zentrales Instrument ist die Sozialauswahl. Der Arbeitgeber kann nicht willkürlich kündigen, sondern muss soziale Kriterien berücksichtigen. Dazu zählen die Dauer der Betriebszugehörigkeit, das Lebensalter, Unterhaltspflichten und eine eventuelle Schwerbehinderung. Ein 55-jähriger Fotograf mit 25 Jahren Betriebszugehörigkeit und zwei Kindern hat also einen deutlich höheren Kündigungsschutz als ein 30-jähriger Kollege, der erst seit drei Jahren im Unternehmen ist.

In größeren Unternehmen, in denen ein Betriebsrat existiert, wird bei umfangreichem Stellenabbau zudem oft ein Sozialplan verhandelt. Dieser soll die wirtschaftlichen Nachteile für die betroffenen Mitarbeiter abmildern. Typische Bestandteile eines Sozialplans sind:

  • Abfindungszahlungen: Die Höhe berechnet sich meist nach einer Formel, die Betriebszugehörigkeit und Lebensalter berücksichtigt (z.B. 0,5 bis 1,0 Monatsgehälter pro Jahr der Betriebszugehörigkeit).
  • Transfergesellschaften: Mitarbeiter wechseln für eine bestimmte Zeit (oft 6 bis 12 Monate) in eine Transfergesellschaft, wo sie bei Fortzahlung eines Großteils ihres Gehalts weiterqualifiziert und bei der Jobsuche unterstützt werden.
  • Vorruhestandsregelungen: Für ältere Mitarbeiter können Regelungen zum vorzeitigen Ruhestand mit finanziellen Ausgleichen getroffen werden.

Es ist daher entscheidend, im Fall der Fälle umgehend rechtlichen Rat einzuholen, idealerweise über die zuständige Gewerkschaft (wie ver.di) oder einen Fachanwalt für Arbeitsrecht. Die eigenen Rechte zu kennen, ist die beste Verteidigung gegen die wirtschaftlichen Folgen einer Kündigung.

Wie hat die Digitalisierung das Geschäftsmodell der Pressefotografie zerstört und neu erfunden?

Die Digitalisierung war für die Pressefotografie ein zweischneidiges Schwert. Einerseits hat sie das traditionelle Geschäftsmodell, das auf der Exklusivität und dem aufwendigen Vertrieb von Bildern basierte, vollständig zerstört. Durch die Verbreitung von Digitalkameras und später Smartphones wurde die Bilderproduktion demokratisiert. Plötzlich konnte jeder zum Augenzeugenreporter werden, und die schiere Flut an kostenlosen oder sehr günstigen Bildern ließ die Preise für professionelle Pressefotos ins Bodenlose stürzen. Verlage sahen sich nicht mehr gezwungen, teure festangestellte Fotografen oder Agenturen zu bezahlen, wenn Amateurbilder oder Stockfotos für einen Bruchteil der Kosten verfügbar waren.

Kontrast zwischen professioneller Pressekamera und Smartphone in redaktionellem Umfeld

Gleichzeitig hat dieser Zerstörungsprozess aber auch Raum für neue Modelle geschaffen. An die Stelle des Einzelkämpfers, der seine Bilder an verschiedene Redaktionen verkauft, treten neue, kollaborative Strukturen. Ein herausragendes Beispiel aus Deutschland ist die Berliner Fotoagentur Ostkreuz. Als Genossenschaft gegründet, bündeln die Mitglieder ihre Ressourcen, teilen sich die Verwaltungskosten und profitieren von der gemeinsamen, starken Reputation. Dieses Modell ermöglicht es, auch größere, langfristige Projekte zu realisieren und sich gegen den Preisdruck des Marktes zu behaupten.

Darüber hinaus hat die Digitalisierung den Fotografen neue Werkzeuge und Vertriebskanäle an die Hand gegeben. Soziale Medien sind nicht mehr nur Marketinginstrument, sondern werden zu Plattformen für visuelles Storytelling und zur direkten Interaktion mit dem Publikum. Die Nachfrage nach hochwertigen visuellen Inhalten ist in der Unternehmenskommunikation, im Content Marketing und im NGO-Sektor explodiert. Der „neu erfundene“ Fotograf ist daher oft ein hybrider Kreativschaffender: teils Journalist, teils Content Creator, teils Berater. Er verkauft nicht mehr nur ein Bild, sondern eine visuelle Strategie, eine Geschichte oder seine Expertise in der Bildproduktion für verschiedenste Kanäle.

Die Transformation des Marktes ist ein komplexer Prozess. Um die heutigen Chancen zu erkennen, ist es wichtig, die Mechanismen von Zerstörung und Neuerfindung zu verstehen.

Wie überleben Sie als freier Bildjournalist in Deutschland trotz sinkender Honorare?

Für viele Fotografen bleibt die Freiberuflichkeit trotz aller Unsicherheiten die bevorzugte Arbeitsform, da sie kreative Freiheit und Selbstbestimmung verspricht. Doch das Überleben in diesem hart umkämpften Markt erfordert eine kluge kaufmännische Strategie. Es reicht nicht mehr, nur gute Bilder zu machen. Drei Säulen sind für den wirtschaftlichen Erfolg als freier Bildjournalist in Deutschland entscheidend.

Die erste Säule ist die radikale Kostenoptimierung. Hier bietet Deutschland einen einzigartigen Vorteil: die Künstlersozialkasse (KSK). Wer als freiberuflicher Künstler oder Publizist anerkannt wird, zahlt nur etwa die Hälfte der gesetzlichen Sozialabgaben für Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Die andere Hälfte wird von der KSK übernommen, die sich aus einem Bundeszuschuss und einer Abgabe von Unternehmen, die künstlerische Leistungen verwerten, finanziert. Die Mitgliedschaft in der KSK ermöglicht eine Ersparnis bei den Sozialabgaben von rund 50% und ist damit ein fundamentaler wirtschaftlicher Hebel.

Die zweite Säule ist die strategische Diversifizierung. Statt sich nur auf redaktionelle Aufträge zu verlassen, die oft schlecht bezahlt sind, sollten Freiberufler ihr Portfolio erweitern. Lukrative Bereiche sind beispielsweise die Unternehmensfotografie (Corporate Events, Mitarbeiterporträts), Werbeaufträge oder die Erstellung von Inhalten für das Content Marketing von Firmen. Hier sind die Tagessätze oft um ein Vielfaches höher als im Pressebereich.

Die dritte und vielleicht wichtigste Säule ist das hybride Karrieremodell. Dieses Modell kombiniert die Sicherheit einer sozialversicherungspflichtigen Teilzeitstelle (z.B. 50-75% in einem artverwandten Beruf wie Bildredakteur oder in einem völlig anderen Bereich) mit der freien Tätigkeit als Fotograf. Die Teilzeitstelle deckt die Fixkosten wie Miete und Versicherungen ab und schafft so den finanziellen Freiraum, sich in der verbleibenden Zeit den eigenen, kreativen Fotoprojekten zu widmen, ohne jeden schlecht bezahlten Auftrag annehmen zu müssen. Dieses Modell vereint finanzielle Sicherheit mit kreativer Freiheit und ist für viele der realistischste Weg zum Überleben.

Die Entscheidung für die Freiberuflichkeit muss gut durchdacht sein. Es ist entscheidend, die verfügbaren Überlebensstrategien genau zu kennen und anzuwenden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die sichersten Festanstellungen für Fotografen finden sich heute nicht mehr bei Verlagen, sondern im öffentlichen Dienst (Polizei, Museen, Forschung).
  • Die Bezahlung nach TVöD bietet ein stabiles, transparentes und mit der Erfahrung steigendes Gehalt sowie soziale Absicherung.
  • Der Transfer fotografischer Fähigkeiten in administrative oder technische Rollen (Bildredaktion, DAM) ist ein strategischer Karriereschritt.

Wie verkaufen Sie Ihre freien Projekte als NFTs oder Print-On-Demand?

Neben der Suche nach Festanstellungen oder der Diversifizierung von Aufträgen gibt es für Fotografen, die ihre freien, künstlerischen Projekte monetarisieren wollen, zunehmend direkte Vertriebswege. Zwei dieser Wege, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben, sind der Verkauf als Fine Art Prints über Print-on-Demand-Dienste und der noch junge Markt der NFTs (Non-Fungible Tokens). Beide erfordern jedoch eine spezifische Strategie.

Der Verkauf von Fine Art Prints ist ein etablierter Markt. Anstatt selbst in teure Drucker und Logistik zu investieren, können Fotografen auf Print-on-Demand-Anbieter zurückgreifen. Wichtig ist hier die Positionierung im Premium-Segment, um sich von der Masse der Billigdrucke abzuheben.

  • Deutsche Premium-Anbieter nutzen: Dienstleister wie WhiteWall oder Pica-Druck sind in Deutschland für ihre hohe Qualität bekannt und schaffen Vertrauen bei Käufern.
  • Limitierte Editionen: Statt unbegrenzter Verkäufe sollten Serien auf eine feste Stückzahl limitiert und mit einem handsignierten Echtheitszertifikat versehen werden, um den Sammlerwert zu steigern.
  • Lokale Vertriebswege: Der direkte Verkauf auf lokalen Kunsthandwerkermärkten oder Kooperationen mit regionalen Galerien kann eine persönliche Kundenbindung schaffen.
  • Corporate Art: Das Anbieten von Bildserien zur Ausstattung von Kanzleien, Arztpraxen oder Firmenfoyers ist ein oft übersehener, aber lukrativer Markt.

Der Markt für NFTs ist deutlich volatiler und technologisch anspruchsvoller. Ein NFT ist im Grunde ein digitales Echtheitszertifikat auf einer Blockchain, das den Besitz an einer digitalen Datei (z.B. einer Bilddatei) nachweist. Für Fotografen bietet dies die Möglichkeit, digitale Unikate oder limitierte digitale Editionen zu verkaufen. Der Erfolg hängt hier weniger von der fotografischen Qualität allein ab, sondern stark von der Community, die man um seine Arbeit aufbaut, und der Geschichte, die man erzählt. Es ist ein hochspekulativer Markt, der sich eher als Experimentierfeld denn als verlässliche Einnahmequelle eignet.

In beiden Fällen gilt: Der direkte Verkauf erfordert unternehmerisches Denken. Marketing, Preisgestaltung und Kundenkommunikation sind ebenso wichtig wie das Bild selbst. Während die Pressefotografie oft schlecht bezahlt wird, können im werblichen Bereich hohe Honorare erzielt werden. Eine Umfrage zeigt, dass 62% der Fotografen bei werblichen Aufträgen Tagessätze von über 1.000€ erreichen – ein Niveau, das im Kunstmarkt nur mit einer starken Marke und guter Strategie möglich ist.

Die Ära des klassischen, festangestellten Pressefotografen mag zu Ende gehen, doch die Nachfrage nach professioneller visueller Expertise ist größer denn je. Der Schlüssel zu einer sicheren Karriere liegt darin, die alten Pfade zu verlassen und die neuen, stabilen Nischen aktiv zu besetzen. Analysieren Sie Ihre Kompetenzen, richten Sie Ihren Blick auf den öffentlichen Dienst und seien Sie bereit, Ihre Fähigkeiten in neue Kontexte zu übertragen.

Geschrieben von Thomas Richter, Spezialist für Bildrechte, Honorarmanagement und Archivierung sowie langjähriges Mitglied in Gremien der VG Bild-Kunst. Experte für die wirtschaftliche Existenzsicherung von freien Fotografen in Deutschland.